Text-Bild-Ansicht Band 318

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Gedankengang ist, kurz skizziert, dieser: Jede Explosion besteht in einer nach einer bestimmten Gleichung vor sich gehenden chemischen Zersetzung und wird begleitet von bestimmten thermischen Verhältnissen, welche bewirken, dass eine bestimmte Temperatur bei diesem Vorgange erreicht wird. Diese Temperatur, welche übrigens als ganz unabhängig von der verwendeten Sprengstoffmenge angenommen wird, wird aus den thermischen Werten der betreffenden Zersetzungsgleichung rechnerisch ermittelt. Dann wird gesagt: Sprengstoffe, bei welchen diese errechnete Temperatur unter einer bestimmten Grenze liegt, gelten als schlagwettersicher; liegt die Temperatur aber über jener Grenze, so gelten sie als unsicher. Es mag ferner auch noch darauf hingewiesen sein, dass die französischen Bestimmungen den Gebrauch von Sprengstoffen, deren angenommene Zersetzungsgleichung auf der rechten Seite das Auftreten von C, CO, H aufweist, von der Verwendung in schlagwettergefährlichen Gruben ganz ausschliessen. Man hat hierbei keine Rücksicht darauf genommen, ob etwa das bei manchen Sprengstoffen nur in wenigen Prozenten sich bewegende Auftreten jener genannten Gase tatsächlich in den aus einigen Patronen sich entwickelnden Mengen eine Gefahr darstellt. Die Tatsache, dass in Deutschland seit mehr als 15 Jahren Sprengstoffe verwendet werden, welche bei ihrer Zersetzung nicht unerhebliche Mengen von CO erzeugen, ohne dass irgendwie Nachteile dadurch entstanden wären, widerlegt wohl am besten die Befürchtung, welche bei der Festsetzung der französischen Bestimmung mit massgebend gewesen zu sein scheint.

Sind demgemäss die französischen Bestimmungen als auf rein theoretischen Ableitungen beruhende aufzufassen, so sehen andererseits die deutschen Bestimmungen über die Schlagwettersicherheit von Sprengstoffen ganz von solchen theoretischen Betrachtungen ab und stellen sich auf einen rein empirischen Standpunkt. Man stellt sich nämlich in Ermangelung von natürlichen Grubengasbläsern ein den zumeist auftretenden Schlagwettern entsprechendes künstliches Schlagwettergemisch mit Methan, Leuchtgas, Benzin, Kohlenstaub her, füllt mit demselben eine Versuchsstrecke an und schiesst mit verschiedenen Mengen des fraglichen Sprengstoffs aus unbesetztem Bohrloche in das Gasgemisch. Als schlagwettersicher kann man im allgemeinen Sprengstoffe ansehen, von denen eine Patrone, wie sie zumeist beim Sprengen im Bergwerk Verwendung finden, das ist eine Menge von beispielsweise 350 g, eine Entzündung niemals hervorruft. Genügt aber eine Menge von 350 g oder weniger zur Erzielung einer Entzündung, so gilt der betreffende Sprengstoff als nicht schlagwettersicher.2) Einheitliche Vorschriften bestehen hier noch nicht. Selbstverständlich ist eine möglichst hohe Sicherheit, wobei dann also auch die Verwendung grösserer Sprengstoffmengen erlaubt ist, in jedem Falle durchaus erwünscht.

Ohne Zweifel sind die Arbeiten der französischen Forscher ein beredtes Zeugnis von deren hervorragender Fähigkeit zu mathematisch-exakter theoretischer Bearbeitung eines so schwer zu behandelnden Gebiets, wie es das vorliegende darstellt; wenn man aber die Auswahl treffen soll, zwischen empirisch kontrolierbaren Verfahren und solchen, die auf theoretischen Voraussetzungen fussen, so erscheint mir doch den ersteren in diesem Falle der Vorzug gegeben werden zu müssen. Es lässt sich übrigens vermuten, dass die Endergebnisse der exakten Theorie mit den empirisch gewonnenen Versuchsergebnissen, wie sie sich aus den Arbeiten der Sprengstoff A.-G. Carbonit herleiten, garnicht so weit auseinanderliegen,wie sich bei einer weiteren Verfolgung dieses Gegenstands, die sich der Verfasser vorbehält, ergeben dürfte.

Es kann aber auch nicht geleugnet werden, dass es wünschenswert ist, wenn es gelingen würde, zwischen den Normen für Schlagwettersicherheit und den übrigen Eigenschäften eines Sprengstoffs Beziehungen zu ermitteln, welche von vorneherein über dessen mehr oder weniger grosse Sicherheit ein Urteil zu bilden uns ermöglichten.

Nach diesem Ziele hin nun bewegen sich die von der Sprengstoff A.-G. Carbonit in deren Versuchslaboratorium in Schlebusch, besonders von Herrn Dr. Mettegang ausgeführten Arbeiten, und man kann wohl sagen, dass diese Arbeiten uns dem Ziele ein gut Stück näher gebracht haben. Es könnte vielleicht Wunder nehmen, dass nicht schon früher derartige Untersuchungen nach wissenschaftlichen Grundsätzen angestellt und systematisch durchgefürt wurden. Es muss aber hervorgehoben werden, dass solche Untersuchungen über Sprengstoffe ja nur an Stellen vorgenommen werden konnten, wo man über die behördliche Konzession zur Lagerung bezw. Herstellung von Sprengstoffen in grossen Mengen und leicht auch über diese selbst verfügte: Bedingungen, wie sie z.B. für die Laboratorien der staatlichen Hochschulen nicht vorliegen. Umsomehr verdient es anerkannt zu werden, wenn eine Sprengstoffabrik selbst in so eingehender und wissenschaftlich systematischer Weise an eine Untersuchung ihrer Erzeugnisse herangegangen ist, wodurch empirische Grundlagen geschaffen worden sind, welche es auch ohne formelmässige Behandlung der Sache ermöglichen, jeden neuen Sprengstoff, welcher diesen Untersuchungen unterworfen wird, in die Reihe der derart bekannten Sprengstoffe einzureihen und damit für den praktischen Gebrauch vollkommen zu kennzeichnen. Die Schlebuscher Untersuchungen tragen somit durchaus einen empirischen Charakter: sie stellen sich ausschliesslich und grundsätzlich auf den Boden des Versuchs, so sehr, dass auch die Endergebnisse nicht in formelmässigen Zusammenhang gebracht uns entgegentreten.

Das Endergebnis der Untersuchungen stellt vielmehr die S. 217 abgedruckte Tabelle dar. Man kann diese Tabelle mit einem Blick überschauen, und doch ist es zweifellos, dass zur Gewinnung der in ihr enthaltenen Zahlen langjährige Arbeit und beträchtliche Geldmittel aufgewendet werden mussten. Die einzelnen Reihen dieser Tabelle sollen im folgenden besonders betrachtet werden, wobei zugleich der Untersuchungsverfahren, nach denen die Zahlen gewonnen wurden, gedacht werden muss. Die Untersuchungsverfahren sind zum grössten Teile überhaupt vordem noch nicht in der in Schlebusch benutzten Ausbildungsweise angewendet worden.

Die ersten 4 Reihen enthalten allgemeine Kennzeichen der zu den Versuchen herangezogenen Sprengstoffe. Dies sind hauptsächlich die Sicherheitssprengstoffe, mit deren Fabrikation sich die Sprengstoff A.-G. Carbonit in Schlebusch beschäftigt; sodann, um Vergleiche mit anderen Sprengstoffgruppen leichter zu ermöglichen, das Sprengpulver als sehr wenig brisanter Sprengstoff und einige der bekannteren und im Bergbau gebräuchlichen Nitroglyzerinsprengstoffe mit hoher Brisanz.

Die Zahlen der Reihe 5 sind durch Feststellung der Dichte der patronierten Sprengstoffmengen gewonnen worden.

Die Reihe 6 enthält Ergebnisse von Versuchen mit dem Bleiblock, welche, seit Herr Trauzl sie angab, vielfach angewendet werden und zur Vergleichung ähnlicher Sprengstoffe wohl dienen können, wenn sie zuverlässig und in grösserer Zahl ausgeführt werden. Es muss aber darauf hingewiesen werden, dass zur Vergleichung verschiedenartiger Sprengstoffsorten das Trauzlsche Verfahren sich garnicht eignet, wie jeder z.B. daraus erkennen kann, dass die Ergebnisse für zwei in ihrer Wirkung so verschiedene Sprengstoffe, wie Donarit und Dynamit, ziemlich dieselben sind.

(Fortsetzung folgt.)

2)

Die entsprechenden englischen Bestimmungen schreiben eine feste Besetzung des Sprenglochs vor und setzen als Grenzmenge diejenige Menge fest, welche einen Ausschlag des ballistischen Pendels von 3,2 Zoll ergibt.