Text-Bild-Ansicht Band 318

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sind nach den Stribeckschen Versuchen und den bis heute gemachten Betriebserfahrungen auch bei Anstrengungen, die weit jenseits der Proportionalitätsgrenze liegen und für welche die Hertzschen Gleichungen nicht mehr gelten, noch gebrauchsfähig. Das konnte nach den Gleichungen von Hertz keineswegs erwartet werden; es lag vielmehr die Gefahr vor, dass aus diesen Gleichungen der Schluss gezogen wurde, die Kugellager seien für hohe Belastungen ganz unbrauchbar, sofern man in diese Gleichungen für die zulässige Materialanstrengung die sonst üblichen Werte einführt. „Wollte man die zulässige Belastung gehärteter Stahlkugeln so niedrig wählen, dass die grösste Dehnung die Proportionalitätsgrenze24) nicht überschreitet, so käme das einem Verzicht auf Kugellager für grössere Belastungen gleich.“ (Stribeck, a. a. O. S. 4.) Für die Wertschätzung der Theorie seitens des Ingenieurs ist dieser Fall sehr lehrreich. Hervorzuheben ist, dass sich dabei nicht allein die praktische Brauchbarkeit der Hertzschen Theorie als unzureichend herausgestellt hat; es zeigt sich auch, dass unsere heutigen Anschauungen über die zulässige Anstrengung des Materials keineswegs als allgemein giltig und abgeschlossenangesehen werden können, sondern durch weitere Versuche und Sammlung von Erfahrungen erweitert werden müssen.25)

Unter Berücksichtigung des zuletzt Dargelegten kann die Frage, inwieweit der Ingenieur der Theorie kreisförmiger Platten Vertrauen entgegenbringen darf, dahin beantwortet werden:

Die Genauigkeit der theoretischen Ergebnisse darf vom technischen Standpunkt aus innerhalb der Proportionalitätsgrenze als eine genügend grosse bezeichnet werden. Wird es in irgend einem Falle nötig, sich eingehender über den Formänderungs- und Spannungszustand zu unterrichten, so können die Ergebnisse der Theorie mit Vertrauen benutzt werden.

Ueber die Giltigkeitsgrenzen der Theorie kann aus den vorliegenden Versuchen ein allgemeiner Schluss nicht gezogen werden (s. Ziff. 1), noch weniger über die zulässige Materialanstrengung; die Bestimmung der letzteren erfordert ausser wissenschaftlichen Versuchen die Beachtung der Erfahrungen im Betrieb.

Neuere Versuche an Spiritusmotoren.

Die Versuche, den fast überall bestehenden Notstand der Landwirtschaft zu heben, den Gegensatz zwischen ihr und der Industrie zu mildern, haben an vielen Orten gleichzeitig die Aufmerksamkeit der Regierungen auf die Spiritusmotoren gelenkt. Der Gedanke war zu verlockend, einerseits der Landwirtschaft zur Ergeuzung der in ihren Betrieben notwendigen Kraft einen Kraftträger zu zeigen, bei dessen Bereitung in der Hauptsache landwirtschaftliche Erzeugnisse gebraucht wurden, andererseits durch Bildung eines Gebietes, an dem beide für die Gesamtheit so wichtigen Stände, Landwirtschaft und Industrie, gleichmässig stark beteiligt waren, die widerstrebenden Interessen wenn auch nur in etwas zu versöhnen. Daher die ganz ungewöhnliche Beachtung, welche in Deutschland der Entwicklung der Spiritusmotorentechnik seitens der Regierung geschenkt wird, daher die von der Deutschen Landwirtschaftsgesellschaft veranstaltete Hauptprüfung von Spirituslokomobilen im Jahre 1902 über die vor kurzem in der Zeitschrift des Vereins Deutscher Ingenieure ausführlich berichtet wurde1), daher auch das internationale Preisausschreiben, das im Jahre 1901 von dem französischen Landwirtschaftsminister ausging, und dem, da das erste eine Heine beachtenswerter Erfolge gezeitigt hatte, im Jahre 1902 schon ein zweites folgte. Ueber die aus diesem letzteren Anlasse vorgenommenen, eingehenden Versuche berichtet Professor Max Ringelmann in der Revue de Mécanique2). Seinen interessanten Ausführungen entnehmen wir zunächst die folgenden Mitteilungen.

Der vom Landwirtschaftsminister berufene Ausschuss setzte in erster Linie den Plan fest, nach dem die Preisverteilung stattfinden sollte. Er teilte die Motoren in zwei Abteilungen, von denen die erste ortsfeste Motoren, Lokomobilen und solche Motoren umfasste, die mit der angetriebenen Maschine zu einem einheitlichen Ganzen vereinigt waren, während die zweite alle Automobil- und Bootsmotoren in sich schloss. Nur die der ersten Abteilung wurden einer eingehenden Untersuchung unterworfen. Auch sie wurden wieder in eine ganze Anzahl Gruppen geteilt, wobei einerseits die Leistungsfähigkeit des betreffenden Motors, andererseits aber auch das Gewicht des Motors für eine abgebremste Pferdestärke massgebend war, letzteres mit Rücksicht auf die Tatsache, die sich bei den Untersuchungen im Jahre vorher ergeben hatte, dass die sehr leichten, meist nur für Automobile und Boote gebauten, aber auch als ortsfeste Motoren benutzten, sehr rasch laufenden Maschinen einen ganz beträchtlich höheren spezifischen Verbrauch an Spiritus zeigen, als die mit normalen Umlaufzahlenarbeitenden, und dass daher die genannten beiden Arten von Motoren nicht miteinander verglichen werden können.

Eine sehr bedeutende Anzahl von Motoren war zum Wettbewerb angemeldet, und da nur sehr wenig Zeit für die Versuche zur Verfügung stand, so war es unbedingt nötig, dass jeder Motor zu einer festgesetzten Zeit, bestimmt zur Untersuchung bereit stand. Es wurde daher eine genaue Zeiteinteilung getroffen, und die in den Wettbewerb eintretenden Firmen wurden, meistens vierzehn Tage bis einen Monat, vorher, unterrichtet, an welchem Tage und zu welcher Zeit ihr Motor an die Reihe käme. Motoren, die nicht rechtzeitig für den Versuch betriebsbereit aufgestellt waren, wurden wenn möglich in eine spätere Versuchsreihe eingeschoben.

Für jede von den 13 Versuchsreihen war eine halbe Woche vorgesehen und diese Zeit musste in der Weise ausgenutzt werden, wie es aus der folgenden Zusammenstellung zu ersehen ist.

Erste Reihe Zweite Reihe
Dienstag: 1 h bis 6 h
abends
Freitag: 1 h bis 6 h
abends
Ankunft des Mo-
tors, Abladen und
Aufstellung auf
dem Versuchs-
platze

Mittwoch: 7 h bis 11 h
12 h „ 6 h
Donnerstag: 7 h „ 11 h

Samstag: 7 h bis 11 h
12 h „ 6 h
Montag: 7 h „ 11 h
Ingangsetzen
und Einregulie-
ren durch die
ausstellende
Firma
Donnerstag: 1 h bis 6 h Montag: 1 h bis 6 h Versuche der
Preisrichter
Freitag: 7 h bis 11 h Dienstag: 7 h bis 11 h Abbau und Ab-
laden des Motors

Die Versuche, welche an 42 durch 25 verschiedene Firmen ausgestellten Motoren durchgeführt wurden, dauerten ohne Unterbrechung von Ende März bis zum 12 Mai einschliesslich; die Schlussversammlung der Preisrichter, in der die Verteilung der Preise vorgenommen wurde, fand am Montag, den 19. Mai statt und am folgenden Samstag wurde die Ausstellung dem Publikum geöffnet.

Die Haupthalle der Versuchsstation wurde zum Versammlungszimmer der Preisrichter umgewandelt, die Versuche fanden in einem Anbau statt, wo genügend Platz vorhanden war, um 6 bis 8 Motoren aufzustellen, und für die notwendigen Schienen zum Verankern derselben gesorgt war. Den Ausstellern wurden seitens der Ausstellungsleitung zur Verfügung gestellt: Wasserzu- und Ableitung, Abgasleitung, Thermometer, Tourenzähler, Behälter für den Spiritus, Wassermesser, Dynamometer u.s.w. mit einem Wort alle für die Versuche notwendigen Apparate, mit Ausnahme der Bremszäune,

24)

9000 kg/qcm. Das ist im Vergleich mit den üblichen Werten der zulässigen Druckbeanspruchung überaus viel.

25)

Wenn sich die von Stribeck mitgeteilten Erfahrungen mit Kugellagern für hohe Belastungen in der Praxis im Dauerbetrieb auch fernerhin bestätigen, so müssen die üblichen Anschauungen über die Grösse der zulässigen Anstrengung eine wesentliche Erweiterung erfahren.

1)

Siehe: E. Meyer Zeitschr. d. Ver. deutsch. Ing., S. 513.

2)

Siehe: Revue de Mécanique, März 1903.