Text-Bild-Ansicht Band 300

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ist, und dass es in Folge dessen heute nur noch einen ganz untergeordneten Werth besitzt. Früher muss dies anders gewesen sein, wie schon aus dem Umstände hervorgeht, dass Neper seine Anordnung für werth gehalten hat, sie 1617 in einer lateinischen Abhandlung zu beschreiben, und dass diese Schrift sowohl eine italienische (1623) als auch zwei deutsche Uebersetzungen (1619 und 1623) erfahren hat. Ueberdies wird die von Neper angegebene Art, die Vielfachen einer Zahl zu finden, schon früher in einem deutschen Rechenbuche aus dem 16. Jahrhundert gelehrt. Es hat den Titel: „Eine Newe vnd wohl gegrundte vnderweysung aller Kaufmanns Rechnung in dreien buchern mit schönen Regeln und Fragstucken begriffen. – Durch Petrum Apianum von Leysnick, der Astronomie zu Ingolstadt Ordinarium, verfertiget. Aufs new durchaus übersehen – vnd gebessert. Anno MDXLIII“. Auf dem Bogen P sind zwei Multiplicationsexempel völlig nach dem Neper'schen Verfahren dargestellt. Nur kennt Apian noch nicht die beweglichen Stäbe, sondern setzt die Vielfachen des Multiplicandus, die höheren von den niederen Einheiten durch die Diagonale gesondert, in Gemässheit des Multiplicators zusammen.

Textabbildung Bd. 300, S. 200

Kaspar Schott hat die Rechenstäbe dergestalt zu einer Rechenmaschine vereinigt, dass er anstatt der Stäbe Cylinder nahm, auf deren Flächen er die Vielfachen der Zahlen 1 bis 9 und 0 auftrug, und sie in einem Kästchen neben einander so anordnete, dass sie um Zapfen drehbar waren und mit Hilfe von Knöpfchen auf jede beliebige Zahl gestellt werden konnten. Weitere Ausbildung haben nach Klügel's mathematischem Wörterbuche – dessen Artikel über instrumentale Arithmetik vorzugsweise dem gegenwärtigen geschichtlichen Rückblicke mit zu Grunde liegt – die Neper'schen Stäbe durch Leupold, sowie durch Reyher, Professor der Rechte in Kiel, erfahren.

Ein entscheidender Schritt in der Herstellung vollkommener Rechenmaschinen wurde von Blaise Pascal, geboren 1623, unternommen. Bereits in seinem 18. Lebensjahre stellte er sich die Aufgabe, eine Rechenmaschine zu construiren, die alle Arten von Rechnungen, als Additionen, Subtractionen, Multiplicationen, Divisionen und andere arithmetische Aufgaben für sich allein, ohne dass irgend eine geistige Arbeit nöthig sei, ausführen sollte. Er hat, wie es in dem Privilegium des Königs von Pascal heisst, zu diesem Zwecke über fünfzig verschiedene Modelle hergestellt, die einen zusammengesetzt aus geraden, die anderen aus krummen Stäben und wieder andere mit Ketten, die einen mit concentrischen, die anderen mit excentrischen Rädern, die einen mit Bewegungen in geraden Linien, die arideren in Kreisen, die einen auf Kegeln, die anderen auf Cylindern, und wieder andere ganz verschieden von diesen nach Stoff, Gestalt oder Bewegung, wobei die Haupterfindung und das Wesentliche der Bewegung immer darin bestand, dass jedes Rad oder Stäbchen einer Ordnung, indem es sich um zehn Ziffern weiter bewegte, die Fortrückung des folgenden um eine Ziffer, veranlasste. Eines dieser Modelle steht noch heute im Conservatoire des arts et métiers mit dem Certificat: Esto probati instrumenti signaculum hoc, Blasius Pascal Arvernus 1652.2)

Pascal's Maschine ist in dem Recueil des machines approuvées par l'Académie des Sciences abgebildet und beschrieben. Wirklich praktische Verwendung hat dieselbe ebenso wenig gefunden, als die im J. 1725 von l'Epine verfertigte, welche einfacher als die Pascal'sche Maschine gewesen sein soll. Auch hat nach derselben Sammlung Boitissendeau noch eine andere Maschine erfunden, die ebenfalls von der Akademie rühmlich beurtheilt worden ist.

Leibnitz, der einige Unvollkommenheiten an der Pascal'schen Maschine bemerkte, ersann ebenfalls eine Rechenmaschine und legte solche bereits 1673 der Royal Society in London und später auch, nachdem er noch Verbesserungen an derselben vorgenommen hatte, der Pariser Akademie der Wissenschaften vor, von welcher sie mit Beifall aufgenommen wurde. Das Aeussere, sowie das Verfahren beim Gebrauch hat Leibnitz in den Abhandlungen der Berliner Akademie, Miscellanea Berolinensia, Bd. 1 S. 317, beschrieben und durch eine Abbildung erläutert. Indess ist Leibnitz mit seiner Maschine nie völlig zu Stande gekommen, obgleich er grosse Geldsummen dafür aufgewendet hat. Sie soll ihm 11000 Thaler, nach Anderen sogar 24000 Thaler gekostet haben. Klügel sagt in seinem mathematischen Wörterbuche, Th. 2 S. 742: „Da er, “ Leibnitz, „selbst kein Mechanicus und, wie es scheint, auch ein schlechter Zeichner war, so mochte er sich den Künstlern nicht gehörig verständlich machen können. Er hat, wie Leupold an dem a. O. erzählt, seine Maschine an einen geschickten Mechanicus, M. Teubertin, Zeitz, geschickt, dass dieser versuchen sollte, sie völlig in Stand zu setzen. Da aber nach Leibnitz' Tode die Erben dazu kein Geld hergeben, selbst den Vorschuss jenes Mannes nicht vergüten wollten, so ist das Werk ganz liegen geblieben. Ein Exemplar der Maschine, aber nicht vollendetes, ist vor diesem in Hannover auf der königl. Bibliothek befindlich gewesen und hernach nach Göttingen geschickt. Ich erinnere mich, da ich sie in Göttingen gesehen habe, dass die Getriebe ungleich lange Triebstrecken wie die Ordinaten an einer cylindrischen Spirale hatten, um die Räder mittels ihrer Stifte und Zähne mehr oder weniger zu drehen. Kästner hat eine Beschreibung derselben zu Pütter's akademischer Gelehrtengeschichte der Georg-Augustus-Universität geliefert. Eine kurze Nachricht gibt derselbe in seiner Fortsetzung der Rechenkunst, S. 568 ff. Das göttingische Exemplar ist vollständiger als das von Leibnitz selbst in den Misc. Berol. beschriebene, welches auch in Leupold's Theater angeführt ist.“

Die Nachricht von Pascal's und Leibnitz' Rechenmaschine gab die Anregung zu weiteren Versuchen in dieser Richtung. Neben Leupold traten mit neu erfundenen Rechenmaschinen Polenus, Professor zu Padua. 1709, und der württembergische Pfarrer Hahn 1779, sowie der hessen-darmstädtische Ingenieur-Hauptmann Müller 1786 hervor. Der Verfasser hat Gelegenheit gehabt, eine Hahn'sche

2)

Siehe: Oeuvres complètes de Blaise Pascal, Paris 1866, Hachette et Co.