Text-Bild-Ansicht Band 311

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wo der Arbeiter, auf dem noch nicht durchzogenen Kettenteile sitzend, Fingerweberei treibt, d.h. mit den Händen flechtartig wirkt (!), wenn nicht einfach flechtet oder knüpft (!)12).

Maspero13) gibt die Zeichnung höchst wahrscheinlich nach derselben Abbildung wie Demin etwas anders wieder: Rechts und links sind je zwei Pflöcke in die Erde geschlagen und an diese Stöcke angebunden, zwischen denen die Kettenfäden etwas über der Erde ausgespannt sind. Der Arbeiter hockt auf der linken Hälfte, die ein Damenbrettmuster zeigt, und zwar mit seinen Füssen beim rechten Gewebebaum, und macht, zur Mitte gelangend, den letzten Querstreifen des Gewebes, das die rechte Hälfte der Kettenlänge beanspruchte, fertig. Hier sind zwei Gewebe fertig, die je die Hälfte der Kettenlänge ausmachen. Zuerst erzeugte der Arbeiter (Fingerweberei?) von links nach rechts bis zur Mitte das eine Gewebe, dann von rechts zur Mitte nach links gehend, das andere Muster. Die Stellung des Arbeiters ist hier viel wahrscheinlicher als bei Demin, indem man doch unmöglich ein halbwegs brauchbares Gewebe erzeugen kann, wenn man auf der Kette sitzen würde.

Aus der hockenden Stellung ist ersichtlich, dass diese Vorrichtung horizontal ist, wenn auch die Schussfäden vertikal gezeichnet erscheinen.

Ein anderes und wahrscheinlich ein und dasselbe Gemälde von Beni-Hassan wird verschiedenartig beschrieben, so von:

Demin14): Aegyptischer senkrechter Webstuhl, wo zwei Arbeiterinnen statt des Schiffchens noch vermittelst einer an beiden Enden mit Metallhaken versehenen Leiste (dem römischen Radius!) weben oder wirken.

Maspero15): Der Webstuhl erinnert trotz seiner Einfachheit an den noch jetzt bei den Webern von Achmim gebräuchlichen. Er ist wagerecht! und besteht aus zwei Cylindern oder vielmehr Stöcken, die 1,5 m auseinander stehen und von denen jeder in zwei Zapfen steckt, die in einem Zwischenraume von ungefähr 80 cm im Boden befestigt sind. Die Fäden der Kette wurden fest angeheftet und dann um den oberen (?) Cylinder gewickelt, bis sie die gewünschte Spannung hatten. Man fing die Arbeit unten (?) an, wie noch heutzutage bei den Gobelins. Mit einem groben Kamm wurde das Gewebe ausgeglichen und auf den unteren (?) Cylinder aufgerollt16).

Erman17): Das Verfahren des Webens ist im mittleren Reiche noch ein sehr einfaches. Die Kette des Gewebes wird zwischen den beiden Webebäumen, die an Pflöcken auf dem Boden befestigt sind, horizontal aufgespannt, so dass der Webende auf der Erde hocken muss. Zwei zwischen die Fäden der Kette geschobene Stäbe dienten dazu, sie auseinander zu halten, der Einschlagfaden wird mittels eines gekrümmten Holzes durchgeführt und festgedrückt.

G. Birdivood18): In Beni-Hassan, den prächtigen grottenartigen Gräbern mit den protodorischen Säulen aus der Zeit der Pharaonen des mittleren oder ersten thebanischen Reiches (3100 bis 1700 v. Chr.), zeigt eines der Wandgemälde eine Gruppe von ägyptischen Weibern, die augenscheinlich von einem Manne beaufsichtigt sind; sie versehen den Rocken mit Baumwolle (?) oder Flachs, drehen diesen mit der Spindel zu Garn, färben das Garn19) und weben es auf einem einfachen aufrechten Stuhle (tela jugalis) ohne Webbaum. Man sieht hier, wie sie die Fäden der Kette mittels einer Scheideschnur (arundo) trennen, uni so das Fach zu erhalten, durch welches die Fäden des Einschlages passieren und angeschlagen werden, und zwar dies nicht etwa mit Hilfe des eigentlichen Webeschiffchens und des Schlägers oder Kammes, sondern mittels des sogen. Radius.

Im Werke Perrot's20) ist die Tafel 381 aus Champollion wiedergegeben, ein sehr deutliches Bild der Frauen am Webstuhl aus einem Grabesgemälde in Beni-Hassan. Dieses Bild ist auffallend ähnlich mit denjenigen Abbildungen, auf die sich die oben angeführten Beschreibungen beziehen und höchst wahrscheinlich dasselbe. Nach allen den früheren Beschreibungen kann man immer noch kein Gewebe erzeugen, denn wozu würde man mit den Fingern eine Scheideschnur nehmen, die nur das eine Leinwandfach bilden könnte, oder Stäbe zur Trennung benutzen, durch die keine Bindung erzeugt werden kann?

Textabbildung Bd. 311, S. 176

Untersucht man das Bild in Champollion ganz genau, so wird man finden, dass die Kettenfäden zwischen Kett- und Brustbaum eingespannt sind, das fertige Gewebe links Fransen hat und in der Nähe des Kettenbaumes die Gangschnur deutlich gezeichnet ist. Fig. 40 zeigt die vereinfachte Darstellung dieser Abbildung aus Champollion.

Die rechts hockende Frau drückt mittels einer Leiste, die links griffartig abgebogen ist, den eingetragenen Schuss mit der rechten Hand an den Warenrand, während sie mit der linken Hand die Leiste am rechten hakenförmig abgebogenen Ende festhält.

Die links hockende Arbeiterin hält mit der einen Hand eines der beiden Querstäbchen a, während die andere Hand die Holzleiste andrückt oder am Fransenrand etwas zu ordnen scheint.

Die zwei durch die Kettenfäden gesteckten Stäbchen a und b sind aber verschiedenartig dargestellt.

Das dem Geweberande näher liegende b scheint glatt durch den Faden zu gehen, das andere a wird von der Arbeiterin gehalten und besitzt über die Gewebebreite unter 45 ° geneigte Striche, genau wie in Fig. 40. Dieser

12)

Um den Leser vor ähnlichen Unsicherheiten zu schützen, will ich auf Folgendes aufmerksam machen: Beim Weben erfolgt das rechtwinklige Verkreuzen zweier Fadensysteme (Kette und Schuss) nach einer gewissen Ordnung mittels einer Webe- oder Fadenaushebevorrichtung. Erfolgt das Ausheben der Kettenfäden und das Einführen des Schusses mit der Hand, so nenne ich dies eine Fingerweberei. Werden biegsame stabartige Körper unter einem beliebigen Winkel verkreuzt, so ist dies das Flechten. Wird ein Stoff durch Maschenbildung aus einem Fadensysteme erzeugt, so nennt man diese Arbeit mittels eines Häkchens entweder Stricken, Wirken oder Netzen. Wenn in die Zwischenräume eines Gewebes oder Flechtwerkes mittels Nadel Fäden auf die Oberfläche befestigt werden, so nennt man dies Sticken oder Ausnähen. Wenn in eine gespannte Kette nebst Grundschuss (mit Webevorrichtung) nach einer bestimmten Ordnung die Kettenfäden mit kurzen Faden Stückchen umschlungen werden, so erhält man ein geknüpftes Gewebe. Werden dagegen in die gespannte Kette nebst Grundschuss (mit Webevorrichtung) mittels Nadeln Fäden nach bestimmter Angabe um Kettenfaden geschlungen, also die Methode nach Fig. 28 und 29, so würde ich für solche Gewebe das Wort „Nadelmalerei“ vorschlagen.

13)

G. Maspero, Aegyptische Kunstgeschichte, deutsch von Steindorff. W. Engelmann 1889.

14)

Siehe dortselbst.

15)

Siehe dortselbst. Daher die ausgespannte Kettenlänge 1,5 m, die Gewebebreite höchstens 0,8 m.

16)

Einmal ist der Stuhl als wagerecht besprochen, und dann gibt es wieder „obere“ und „untere“ Bäume. Die (?) rühren vom Verfasser her.

17)

Siehe Adolf Erman, Aegypten und ägyptisches Leben im Altertum. Tübingen, H. Laupp.

18)

Monographie in „Teppicherzeugung im Orient.“ k. k. österr. Handelsmuseum in Wien 1895.

19)

Dortselbst. Eher ist in dem Topfe heisses Wasser, eine Art Nass-Spinnen wie dargestellt, und nicht Färberei.

20)

Georges Perrot und Charles Chipiez, Aegypten, deutsch von Rich. Pietschmann. Leipzig 1884.