Text-Bild-Ansicht Band 311

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Spannen der Kettenfäden durch Steine (ponderes) oder Prismen, auch Kegel aus gebranntem Thone findet man bei altägyptischen Stühlen nicht. Ferner lassen sich die sehr dichten Gewebe bei sehr feinen Kettenfäden mit dem antiken griechischen Stuhle überhaupt nicht herstellen, indem ja die gehobenen Fäden auch die Gewichte unten heben müssen und dadurch eine höhere Beanspruchung der Fäden besonders nach dem gemachten Schuss und Loslassen der Zugvorrichtung hervorgebracht wird. Nebenbei will ich noch bemerken, dass alle bildlichen Darstellungen der altgriechischen Stühle nur auf Erzeugung der Leinwandbindung schliessen lassen, in Aegypten aber mit der Webevorrichtung wirklich mehrschäftige Bindungen erzeugt wurden. Hierbei ist jedoch die Beschwerung der Kettenfäden beim Zugstuhl, falls nicht ein jeder Faden sein eigenes Gewichtchen hat, nach der Bindung in der Art zu wählen, dass gleich bindende Fäden eine gemeinschaftliche Belastung erhalten können25).

Textabbildung Bd. 311, S. 180

Aus den wenigen Gründen kann doch schon ein jeder Fachmann die Ueberzeugung gewinnen, dass die ziemlich verbreitete Ansicht, die ganze antike Welt, also auch Aegypten, hätte dieselben Webstühle wie die alten Griechen (Homeriden) benutzt, eine ganz falsche ist.

Es sagt Sir George Birdwood in seiner Monographie26): Wenn wir uns in Europa nur schwer dazu verstehen, die Geschichte der zivilisierten Welt einzig als eine Folge jener von Aegypten und im Vergleich mit dieser zu betrachten, so liegt das in der Hartnäckigkeit, mit der wir an dem ererbten Vorurteile festhalten, die Zivilisation von dem ersten Aufblühen der Kunst in Griechenland an zu datieren. Die erste Periode der Grösse Aegyptens unter den Pharaonen, die in Memphis regierten und die Pyramiden errichteten, war längst verstrichen, so auch die zweite unter den Herrschern von Theben, welche die Tempel von Luqsor und Karnak erbauten, lange, ehe Cecrops von Sais gegen Athen aufbrach, oder Danaus aus Chemmis (Achmim) sich gegen Argos wandte, oder Cadmus aus Phönizien nach Theben (Boötien), oder Pelops von Phrygien nach Elis auswanderte; und lange vor dem sagenhaften Argonautenzuge und dem Zuge der „Sieben gegen Theben“, vor der Flut des Deukalions, des Sohnes des Prometheus, des mystischen Schöpfers der Zivilisation des Westens. Und die dritte Glanzperiode unter den Dynastien des neuen thebäischen Reiches, auch sie hatte ihren Kulminationspunkt überschritten und eilte bereits dem Verfalle zu, als sich die Nebelgebilde hoben und in der Geschichte der Mittelmeerländer zu tagen begann; im homerischen Sonnenglanze sehen wir die frühesten Anzeichen beginnenden internationalen Lebens vom geschichtlichen Werte in Südosteuropa....

Den mächtigen Einfluss, den Aegypten durch eine so lange Zeit ausübte, können wir auch in den textilen Erzeugnissen kennen lernen. So finden wir z.B. auf einer attischen Vase aus Chiusi im Berliner Antiquarium die Darstellung eines altgriechischen Wirkstuhles27) der Penelope, und das fertige Stoffstück zeigt ein reiches Muster mit geflügelten Tieren und Männern, mit Sternen oder Swastika dazwischen und mit einer Bordüre von ägyptischen Ornamenten und Streifen, wie wir sie auch an alten ägyptischen Wandmalereien finden.

Eine andere Vase aus Cervetri, jetzt im Wiener Museum, stellt den Besuch des Priamus im Zelte des Achilles dar, und die Prachtdecken des Achilleslagers, sowie die Teppichballen, welche vom Priamus angeboten werden, zeigen die ägyptischen Ornamente der Denkmäler von Medinet-abu, Luqsor und Karnak.

Eine ganze Serie keramischer Malereien zeigt uns, dass die Gewänder, welche die Griechen und Italioten, Thracier und Lydier vom 6. bis 3. Jahrhundert v. Chr. trugen, geradezu identisch mit jenen heiteren Gewändern sind, die wir an ägyptischen Monumenten abgebildet finden. Es entspricht die griechische Tunika der Basoni- und Schenti-Tracht der ägyptischen Krieger und das Himation der Calasiris.

(Schluss folgt.)

Kleinere Mitteilungen.

Der deutsche Schiffbau.

Nach der Aufstellung des Germanischen Lloyd stellte der deutsche Schiffbau im Jahre 1898 auf seinen Privatwerften 333 Schiffe mit einem Brutto-Raumgehalt von 208835 Registertonnen fertig, während noch 195 Schiffe mit 337626 Registertonnen im Bau blieben. Von letzteren kommen je 6 Stück mit über je 10000 Brutto-Registertonnen auf Blohm und Voss in Hamburg und auf die Gesellschaft Vulkan in Stettin. 84 Schiffe mit 85811 Brutto-Registertonnen waren für ausländische Rechnung.

Füllreissfeder mit hohlem Schaft und herausnehmbarem Tuschheber.

Jeder Techniker und Zeichner weiss, welch umständliche und zeitraubende Manipulation das Füllen bezw. Nachfüllen der Reissfeder erfordert. Namentlich tritt dieser Uebelstand beim Ausziehen oder Pausen von grösseren Zeichnungen auf. Es war daher erwünscht, eine Reissfeder zu besitzen, mit der man womöglich ununterbrochen stundenlang arbeiten kann. Dieses Ziel erscheint durch die vorliegende Konstruktion einer Füllreissfeder von H. Bartschat in Posen vollständig erreicht zu sein.

Textabbildung Bd. 311, S. 180

Der aus Hartgummi oder einem billigeren Material hergestellte Schaft ist mit der eigentlichen Feder durch Verschraubung verbunden. Der Schaft ist hohl und zur Aufnahme des Tuschhebers bestimmt, welcher aus einer Glasröhre mit Gummiballon besteht und in bekannter, einfacher Weise gefüllt werden kann. Das unten zugespitzte Ende des Hebers fasst in die trichterförmige Mündung einer feinen Glas- oder Metallröhre, die durch den unteren Teil des Schaftes hindurchgeht. Von dem Austrittspunkte des Röhrchens zieht sich ein metallener Steg, der an dem unteren Teil der Feder befestigt ist, bis zur Druckschraube hin. Durch einen leichten Druck auf den Gummiballon gelangt etwas Tusche aus dem Heber in die feine Glasröhre und tritt von da unter schwachem Druck in die Feder aus.

Die Gefahr des Eindickens der Tusche wird durch den geringen Luftzutritt vermieden. Ein Reinigen der Feder kann ebenfalls leicht erfolgen.

Hervorzuheben ist noch die Einfachheit der Konstruktion und der Umstand, dass die Feder auch wie eine gewöhnliche Ziehfeder benutzt werden kann.

Bücherschau.

Das Trocknen mit Luft und Dampf. Erklärungen, Formeln und Tabellen für den praktischen Gebrauch von E. Hausbrand, Oberingenieur. Berlin. Verlag von Julius Springer 1898. 64 S. Mit Textfiguren und zwei Tafeln. Preis geb. 3 M.

Dem Fachmanne werden die in Tabellen ausgerechnet vorliegenden notwendigen Angaben für die Berechnung von Trockenanlagen sehr willkommen sein; die in guter Auswahl durchgerechneten Beispiele erhöhen die Brauchbarkeit des Werkchens.

25)

Wie dies der Fall bei den Webstühlen der Pfahlbauten in den Schweizer Seen gewesen sein mag, so auch nach den gefundenen Pyramiden aus gebranntem Thon in Kertsch.

26)

In „Teppicherzeugung im Orient“, herausgegeben vom österr. Handelsmuseum.

27)

Richtiger ein Webstuhl, wo ähnlich wie beim Knüpfen gearbeitet wird, indem ja die Kette deutlich gezeichnet erscheint. Also entweder Knüpfen oder Nadelmalerei.