Text-Bild-Ansicht Band 316

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und dem Scheine nach durch den Wind in die Höhe blasen lässt. Um eine solche Auffassung des Segelfluges als irrig nachzuweisen, versetzen sich die Gegner im Geiste in einen Ballon, um welchen in möglichster Nähe ein Vogel seine Kreise ziehen soll, und behaupten dann, dass dem Vogel ebenso wie dem Luftschiffer die Luft zu ruhen scheine, da beiden Luftwanderern der Anblick der Erde durch tiefer liegende Wolken oder durch die Dunkelheit entzogen sein soll, und ihnen damit die Mittel zur Feststellung ihrer Fortbewegung durch die Luft und mit derselben genommen seien. Indessen muss die Berechtigung für einen solchen Schluss, nach welchem dasjenige, was in einem bestimmten Falle für den Ballon oder dessen Führer Gültigkeit hat, ebenfalls für den kreisenden Vogel gilt, jedesmal erst nachgewiesen werden. Diese Schlussfolgerung ist ja eben nur dann logisch richtig, wenn die bezüglichen Lagen des Vogels und Ballons rücksichtlich der Windströmung als identisch nachgewiesen sind. Aber die Führung dieses Identitätsbeweises ist, soweit ich es beurteilen kann, überhaupt nicht möglich, weil ein kreisender Vogel und ein freischwebender Luftballon in Bezug auf die Luftströmung, in der sie sich befinden, wirklich nicht in wesentlich gleicher Lage, sondern im Gegenteil zwei in dieser Hinsicht thatsächlich ganz verschiedene Dinge sind. Ein Ballon nämlich, der in derselben Horizontalebene mit dem Winde Schritt hält, besitzt dem Winde gegenüber keine Eigenbewegung; dieselbe erlangt er erst, wenn der Luftschiffer Ballast auswirft oder das Ventil öffnet. Denn in den beiden letzten Fällen steigt oder sinkt der Ballon gemäss dem Kräfteparallelogramm infolge der gemeinsamen Wirkung zweier Kräfte; in dem einen wird er nämlich in der Richtung der Resultante des Winddruckes und der Steigkraft zu noch höheren Regionen auffahren, in dem anderen aber in der Richtung der Resultante des Winddruckes und der Fallkraft zur Mutter Erde zurückkehren. Ueberlässt man leichte Federn in den soeben besprochenen Fällen von der Gondel aus dem Spiel des Windes, so eilen dieselben in horizontaler Richtung regelmässig dem sinkenden oder steigenden Ballon etwas voraus, machen also die Eigenbewegung des Ballons gegenüber der Windströmung dem Auge sichtbar. Sobald aber der Ballon im Gleichgewicht mit der Luft ist, und somit die Schwerkraft durch statischen Druck aufgehoben ist, muss er thatsächlich in Bezug auf die ihn umgebende Luft in Ruhe sein; denn in diesem Falle übt nur noch der Winddruck auf ihn eine Wirkung aus und zwingt ihn, der Luftströmung mit gleicher Geschwindigkeit zu folgen. Die Beobachtung hat dies bestätigt, denn beispielsweise werden Wollflocken oder leichte Federn, welche der Luftschiffer frei in der flachen Hand hält, vom Winde dann nicht fortgeblasen, sondern verharren darauf in Ruhe.

Ganz anders aber liegen die Verhältnisse beim kreisenden Vogel. Zunächst wird niemand bestreiten, dass der Vogel schwerer als die ihn umgebende Luft ist; er ist also stets dem Gesetze der Schwere unterworfen. Ausserdem wirkt jedoch auf denselben, da ihm ja eine räumliche Ausdehnung nicht abgesprochen werden kann, demgemäss auch noch der Druck der Luftströmung ein, in welcher er gerade schwebt. Der Vogel muss also stets dem Einfluss zweier Kräfte, nämlich der eigenen Schwere und der Kraft des Windes folgen, wenn man von seiner Muskelthätigkeit vorläufig noch ganz absieht; diese beiden Kräfte sind demnach die selbstthätig wirksamen Faktoren, welche seine Flug- oder Fallbahn hervorbringen. Während der freischwebende Ballon sich stets in derselben Horizontalen bewegt, bleibt, streng genommen, der segelnde Vogel keinen Augenblick in derselben, weil er, einem lebendigen Pendel vergleichbar, in einem beständig abwechselnden Fallen und Steigen begriffen ist. Die Bewegungsweise eines im Winde segelnden Vogels lässt sich daher weder mit derjenigen eines Segelschiffes noch mit der eines äquilibrierten Ballons vergleichen, weil diese Vehikel stets in derselben Horizontalen bleiben, der Vogel aber nicht; wohl aber – mutatis mutandis – mit derjenigen eines abwechselnd sinkenden und steigenden Ballons. Der oben erwähnte, von Seiten der Gegner gegen die gewöhnliche Erklärung des Segelfluges erhobene Einwand ist also nicht haltbar und nicht zutreffend.

Aber wie kann denn, dürfte hier ein kritischer Leser mit vollem Fug und Recht fragen, beim Vogel ein Steigen eintreten, da auf denselben doch nur die vertikal nach unten ziehende Schwerkraft und der Horizontaldruck des Windes einwirken sollen? Die Antwort hierauf findet man bei Leonardo da Vinci und Karl Buttenstedt. Einem solchen Einwände gegenüber ist nach diesen Flugtechnikern auf die feststehende Thatsache hinzuweisen, dass der Vogel die Fähigkeit besitzt, seine Flügel nach Belieben gegen den Wind zu neigen und dadurch unter Beihilfe seines Schwanzes, dessen er sich mit Geschick und Kraft als Steuer bedient, die Bewegung in der Horizontal- und Vertikalebene nach gewünschter Richtung hin zu lenken und unter Beihilfe des Windes zu bewirken. Die geringe Eigenarbeit des Vogels, die Form und Beschaffenheit der Flügel und sein Gewicht nebst der Hilfskraft des Windes sind demnach die einzigen und auch wirklich ausreichenden Ursachen der sichtbar werdenden Flugbewegung. Die eigentliche Lösung des Flugrätsels liegt jedoch weniger in diesen Faktoren allein, sondern vielmehr darin, dass gerade auf Grund ihrer gemeinsamen Bethätigung auch für den Flug der Vögel die Pendelgesetze ebenso allgemein gelten, wie dies für die Bewegungsweise der Säugetiere durch die bekannten Göttinger Professoren Gebrüder Weber nachgewiesen ist. Die Kunst jeder Bewegungsweise besteht eben in der höchsten Ausnutzung der einmal aufgewandten Kraft, in der Weise, wie dies bei dem schwingenden Pendel geschieht. Der Adler, der pfeilschnell herunterstürzt und ebenso rasch durch einfaches Drehen seiner Flügel die verlorene Höhe wieder gewinnt, ohne dass er hierbei auch nur einen Flügelschlag macht, hat gleichsam eine ungeheure Pendelschwingung durchmessen, und die durch den anfänglichen Fall erlangte Arbeitskraft beim Wenden und Aufsteigen wieder aufgebraucht, ohne auch nur einen geringen Bruchteil seiner Muskelkraft bei dieser gewaltigen Arbeitsleistung aufgewendet zu haben. Wie ein aus der Höhe auf den harten Estrich herabgefallener Gummiball vermöge seiner Elastizität beinahe bis zur ursprünglichen Höhe wieder emporspringt, ebenso steigt auch der im Sturzfluge herunterschiessende Adler vermöge seiner in eine geeignete Stellung gedrehten, höchst elastischen Flügel wieder zur ersten Fallhöhe auf. Nicht allein die schräge Einstellung der Flügel, sondern nach Leonardo und Buttenstedt auch deren ausserordentliche Elastizität machen durch ihre gleichzeitige Wirksamkeit es erst dem Segler möglich, den Pendelgesetzen gemäss ohne erhebliche eigene Kraftanstrengung sich wieder in die Höhe emporzuschwingen. Die Elastizität der Flügel ist gerade aus diesem Grunde eine notwendige Vorbedingung für den Segel- oder Pendelflug. Während für die Bewegungsweise der Säugetiere nach den ausgezeichneten Untersuchungen Weber's das gewöhnliche Pendel mit festem Stütz- oder Aufhängungspunkte – denn beide Formen kommen vor – typisch ist, kommen also bei dem Flug der Vögel die Pendelgesetze nur durch die Vermittelung der Form und Elastizität der Flügel und des den festen Aufhängungspunkt ersetzenden Luftwiderstandes zur Geltung. Die Natur ist demnach auch, indem sie das Flugproblem verwirklicht, ihrem alten Gesetze, dem Gesetze von der Erhaltung der Kraft, unverbrüchlich treu geblieben; sie ruft durch die anmutig schönen auf- und niederschwebenden Bewegungen der Vögel ebenso unwillkürlich wie durch den ewig gleichen Kreislauf der Gestirne in dem sinnigen und denkenden Menschen die Erinnerung an die gehaltvollen Worte unseres Schiller wach:

„Gleich dem toten Schlag der Pendeluhr

Dient sie knechtisch dem Gesetz der Schwere –

Die entgötterte Natur.“

II. Leonardo da Vinci und Karl Buttenstedt.

Wie aus den Ausführungen im ersten Abschnitt ersichtlich ist, ist das wesentlichste Moment, durch das der natürliche und demgemäss auch der künstliche Flug bedingt wird, die Elastizität der Flugorgane (Flügel und Schwanz), da durch diese Eigenschaft ein selbstthätiges Einstellen der einzelnen Schwungfedern in schiefe Ebenen und damit ein Fortschieben des Flugkörpers von einer Luftschicht auf die andere nach den Gesetzen der schiefen Ebene, des Kräfteparallelogramms und des Pendels erfolgt. Das grosse