Text-Bild-Ansicht Band 316

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Die englische Admiralität zahlte bereits in der Zeit vom 20. Dezember 1896 bis zum 24. Dezember 1899 für Ausführungsgebühren an die Belleville-Gesellschaft 100172 £ oder rund 2050000 Mk., welche Summe sich bis heute verdoppelt haben dürfte.

Im Juli 1900 gab Goschen2), damals erster Lord der Admiralität, dem allseitigen Drängen nach und es wurde ein Prüfungsausschuss eingesetzt, dessen Mitglieder aus den tüchtigsten Fachmännern Englands ausgewählt wurden und deren Namen hier folgen mögen: Compton Domvile, Vizeadmiral, Vorsitz, Jos. A. Smith, Maschineninspektor der königl. Marine, John List, leitender Maschineningenieur der Castle-Linie, James Bain, leitender Maschineningenieur der Cunard-Linie, J. T. Milton, Oberingenieur in Lloyds Register zur Beaufsichtigung von Schiffen, Dr. A. B. W. Kennedy und Dr. John Inglis, Mitglieder des weltbekannten Maschinen- und Schiffbauwerkes A. und J. Inglis an der Clyde; als gemeinsame Schriftführer wurden bestellt: Montague E. Browning, leitender Ingenieur, W. H. Wood, Oberingenieur, beide in der köngl. Marine.

Die dem Ausschuss gestellten Aufgaben waren: festzustellen, ob Wasserrohrkessel für Kriegsmarinezwecke den Walzenkesseln vorzuziehen seien; wenn ja, ob die Belleville-Gattung für die englische Kriegsmarine die beste sei. Ebenfalls sind vom Ausschuss Vorschläge in dieser Sache im allgemeinen zu machen, sowie die Ergebnisse der eigenen Erfahrung der einzelnen Mitglieder und der anzustellenden Untersuchungen der Admiralität zugänglich zu machen.

Als Endergebnis einer Reihe eingehender Untersuchungen wurde Ende Februar ein vorläufiger Bericht dieses Ausschusses der Admiralität eingereicht, der folgende Punkte festlegt:

1. Der Wasserrohrkessel ist namentlich vom militärischen Standpunkte aus für die Kriegsschiffe dem Walzenkessel überlegen, seine sichere brauchbare Herstellung vorausgesetzt.

2. Die Belleville-Gattung hat keine derartigen Vorzüge gegenüber anderen Kesselgattungen, um ihn für die königl. Marine als beste Gattung empfehlen zu können.

3. Belleville-Kessel sollen in Zukunft nicht mehr bestellt werden und, wo es der Stand der Arbeit für die im Bau begriffenen Schiffe zulässt, rückgängig gemacht werden. Im übrigen aber dürfen dieselben sowohl für die im Bau begriffenen Schiffe, deren Fertigstellung keine Verzögerung erleiden darf, als auch für die mit denselben bereits ausgerüsteten Schiffe beibehalten werden.

4. Ferner empfiehlt der Ausschuss den Babcock- und Wilcox-Kessel, den Niclause-Kessel, den Dürr-Kessel und den Yarrow-Weitrohrkessel, welche alle bereits eingehenden und zufriedenstellenden Versuchen seitens der königl. Marine unterworfen wurden, zur Einführung, sei es aller vier Gattungen gleichzeitig oder einer Auswahl aus denselben.

5. Die zwei Schaluppen und der Kreuzer II. Klasse, welche mit Babcock-Wilcox-Kesseln, sowie die Schaluppe und der Kreuzer I. Klasse, welche mit Niclause-Kesseln ausgerüstet werden, sind schleunigst fertigzustellen, damit ihr Wert für Kriegszwecke sobald wie möglich festgestellt werden kann. Namentlich schon deshalb, weil die neueren Babcock- und Wilcox-Kessel in der Bauart wesentlich von denen in dem „Sheldrake“ eingebauten abweichen.

6. Dürr- und Yarrow-Kessel sollen umgehend bestellt werden, um nochmals unter Aufsicht des Ausschusses zwecks ihrer Brauchbarkeit für Kriegszwecke geprüft zu werden.

Zu dem Ende sollen dem Ausschuss zwei Kreuzer, nicht kleiner wie die Medeaklasse, mit stehender dreifacher Expansionsmaschine, für alle notwendig werdenden Veränderungen und für längere Probefahrt auf hoher See zur Verfügung gestellt werden, da die Versuchsergebnisse an Torpedobooten sich als unzuverlässig erwiesen haben.

7. Zu Punkt 1 hat sich als besonders wichtig für Kriegszwecke herausgestellt:

a) Schnelles Dampfmachen und damit auch die Möglichkeit die Zahl der Kessel unter Dampf schnell zu vermehren.

b) Herabminderung der Gefahr für das Schiff bei Verletzung der Kessel durch Geschosse.

c) Leichte und schnelle Herausnahme und Ersetzung der Kessel aus dem Schiff ohne Verletzung des Decks oder des Rumpfes.

Diesen Anforderungen entsprechen die Wasserrohrkessel in weit höherem Masse wie die Walzenkessel, und sind diese Vorzüge derart wichtig, dass dieselben die grössere Sparsamkeit im Kohlen verbrauch und in der Unterhaltung mehr wie aufwiegen.

8. Punkt 2 wurde vom Ausschuss festgelegt nach eingehender Untersuchung der Kessel auf einer Anzahl Kriegsschiffe der königl. Marine, darunter „Diadem“, „Niobe“, „Europa“, „Hermes“, „Powerful“, „Furious“ und „Ariadne“, und fusst auf Mängel, welche durch Oberingenieure der Schiffe und andere Beamte der Admiralität und der Werften, welche Gelegenheit hatten, sich mit den Belleville-Kesseln zu befassen, erwiesen wurden.

9. Folgende Punkte sind namentlich am Belleville-Kessel zu tadeln:

a) Der mangelhafte und unbestimmbare Wasserumlauf, verursacht durch den Widerstand in den langen Rohrschlangen3), welche zwischen dem Speisekasten und dem Dampfsammler eingebaut sind, sodann durch die Reibung in den Verbindungs- und Umkehrkapseln, sowie durch die kleinen Bohrungen in den Nippeln zwischen Speisekasten und Rohrgliedern, welche letztere der leichten Verstopfung halber eine grosse Gefahr in sich schliessen.

b) Die Notwendigkeit einer selbstthätigen Speisevorrichtung von sehr empfindlicher und verwickelter Beschaffenheit.

c) Der grosse Ueberschuss zwischen Speisepumpen- und Kesseldruck.

d) Die Notwendigkeit eines beträchtlichen Ueberschusses an Kesseldruck gegenüber dem Arbeitsdruck in der Dampfmaschine.

e) Die ungenaue Angabe des Wasserstandes im Kessel durch die Wasserstandsgläser, die schon zu ernsten Unglücksfällen Anlass gab.

f) Der Unterschied in der Wassermenge, welche bei verschiedener Beanspruchung der Heizfläche im Kessel vorhanden ist, während die Wasserstandsgläser auf gleicher Höhe bleiben.

g) Die Notwendigkeit, selbstthätig wirkende Abscheider vorzusehen, um zu verhindern, dass bei plötzlicher starker Dampfentnahme Wasser übergerissen wird.

h) Der beständige Uebelstand, den der Wasserverlust aus den undicht gewordenen Nickelblechdichtungen zwischen den Rohrgliedern und dem Speisekasten mit sich bringt.

i) Die Wahrscheinlichkeit, dass die oberen Röhren der einzelnen Glieder durch Verrosten dienstuntauglich werden, ein Fehler, welcher die Vorwärmeröhren, wo solche in den Kesseln eingebaut sind, noch häufiger befällt.

k) Die grösseren Unterhaltungkosten gegenüber dem Walzenkessel, welche mit zunehmendem Kesselalter wachsen dürften.

1) Die Verdampfungsanlage für Frischwasser, welche diese Kessel gegenüber den Walzenkesseln erfordern, sowie ihr grösserer Kohlen verbrauch, selbst im gewöhnlichen Friedensdienst, machen grösstenteils die bei der Einführung ins Auge gefassten Gewichtsersparnisse hinfällig; ja es fragt sich sogar, ob mit Rücksicht auf den grösseren Kohlenverbrauch und den dadurch bedingten kleineren Bewegungskreis von einem Vorteil überhaupt gesprochen werden könnte.

Der Ausschuss ist ohne weitere Versuchserfahrung nicht in der Lage, zu sagen, wie weit die obigen Punkte auch auf andere Kesselgattungen Anwendung finden.

10. Zur Zeit der Einführung der Belleville-Kessel auf „Powerful“ und „Terrible“ war dieser Kessel der jedenfalls bei weitem geeignetste für die königl. Kriegsmarine, damals waren eben nur Wasserrohrkessel mit weiten Rohren in grösserem Massstab hinsichtlich ihrer Seefähigkeit, sowie der gebräuchlichen Arbeitsbedingungen geprüft.

2)

Engineering, 15. März 1901.

3)

Nach Busley-beträgt die Rohrlänge zwischen Speisekasten und Dampfsammler 30 bis 45 in. Z. V. D. I., 1896, S. 1042.