Text-Bild-Ansicht Band 316

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besassen, deren Entstehen weiter zurückreicht, als in die Zeit von Tyrus und Sidon.

In den Glashütten von Tyrus und Alexandrien wurden nicht allein farblose Glaswaren hergestellt; die Erzeugnisse besassen schon eine grössere Vervollkommnung, indem das Glas mit Hilfe von Diamanten geschnitten wurde; man färbte das Glas durch metallische Oxyde, sie wurden vergoldet, kurz es wurden Glassachen wie in der jetzigen Zeit hergestellt. Wie auch die Entstehungsweise des Glases gewesen sein mag, so war dasselbe doch schon in dem grauesten Altertum bekannt. Auf dem Grabdenkmal von Beni Hassan, welches gegen 2000 Jahre vor Christus zurückreicht, sind Abbildungen von Glasarbeitern vorhanden. Die Aegypter führten ihre Glaswaren in Rom ein, wo dieselben binnen kurzem ein bedeutender Handelsartikel wurden. Wie gross die gebrauchte Glasmenge gewesen sein muss, ergibt sich hieraus, dass ein gewisser Scaurus zur Feier seiner Ernennung zum Edil ein Theater bauen liess, dessen einer Rang aus Glas bestand, desgleichen wurde das Fensterglas verwendet; in Herkulanum sind Fensterscheiben gefunden worden, deren Herstellungsweise sich wenig von der jetzigen unterscheidet. Die Gallier übernahmen diesen Industriezweig von ihren Besiegern; derselbe ging jedoch bald wieder verloren, da sogar im 6. und 7. Jahrhundert keine Spuren von Glashütten zu finden sind. Nach Frankreich kam die Kenntnis der Glasfabrikation durch die Kreuzzüge und wurde der Handel mit Glaswaren bald zu einem angesehenen Erwerbszweig, da sogar der Adel, welchem alle Handarbeiten untersagt waren, das Recht der Glasbläserei besass. Unter Philipp dem Schönen wurden die Glasfabrikanten geadelt, welcher Adel am Ende des 16. Jahrhunderts einer Untersuchung unterworfen und bestimmt wurde, dass die Beschäftigung mit Glasfabrikation zwar keine Beeinträchtigung des Adelsprädikats begründe, jedoch nicht das Recht zur Führung des letzteren erteile, welche Bestimmung Heinrich IV. durch ein besonderes Edikt bestätigte.

Am hervorragendsten hatte sich die Glasfabrikation in der Republik Venedig ausgebildet, wo die Glaswaren den bedeutendsten Teil zu ihrem kommerziellen Reichtum bildeten, so dass den Glasfabrikanten, sowohl den Besitzern als Arbeitern, mit grossem Misstrauen begegnet wurde. Am Ende des 13. Jahrhunderts erliess der Hohe Rat ein Ausfuhrverbot für sämtliche zur Glasfabrikation notwendige Materialien, sogar für zerbrochenes Glas. Ein Erlass vom Jahre 1289 verordnete die Ansiedelung der Glasfabrikanten auf der kleinen Insel Murono, welche von Venedig nur durch einen kleinen Wasserstreifen getrennt ist, wodurch die Ueberwachung erleichtert wurde. Durch diese Massregeln wurden jedoch die Ueberläufer nicht abgeschreckt, denn im Jahre 1547 erliess der Hohe Rat einen Befehl an sämtliche ausgewanderte Glasarbeiter zur Rückkehr unter Androhung der Verhaftung ihrer Eltern und bei nicht sofortiger Rückkehr der Konfiskation ihres Vermögens; es wurden sogar geheime Boten zur Ermordung jeden Arbeiters ausgesandt, welcher sich im Ausland fest etablieren sollte, und da dies alles nicht ausreichte, wurden diese Strafbestimmungen 1762 noch verschärft.

Von Venedig kam die Glasindustrie durch die Auswanderer nach Frankreich, Toskana, Deutschland und Böhmen. Holländische Arbeiter liessen sich in England nieder, wo binnen kurzem eine grosse Anzahl von Fabriken entstand.

In Frankreich liess sich unter Heinrich II. der Italiener Thesco Mulio in Saint-Germain nieder, dessen Fabrik nicht von grosser Bedeutung war und bald einging. Heinrich IV. gründete neue Fabriken in Paris und Nevers, und Golbert unter Ludwig XIV. Fabriken von Spiegel- und besonders Fensterglas. Von verschiedenen Schriftstellern wird behauptet, dass die Fabrikation von Luxusglas zu jener Zeit in Frankreich unbekannt war und daher die Glasindustrie im 18. Jahrhundert in Verfall geriet. Indessen sind in den 1827 erschienenen Werken von Dumas zahlreiche Beschreibungen der Vorgänge bei der Glasfabrikation enthalten, obwohl er keine neue Methoden derselben erwähnt. Es ist auch nicht anzunehmen, dass die Glasindustrie in einer Zeit (18. Jahrhundert) in Verfall geraten sein sollte, in welcher sämtliche bemerkenswerteEigenschaften des Glases, sowie seine Streckbarkeit unter Einfluss von Hitze bekannt waren.

Einen grossen Aufschwung erhielt besonders die Glasspinnerei, so dass man Fäden davon spann, welche an Feinheit der Seide gleichkamen und gewebt werden konnten und Kleider angefertigt wurden, worauf man kürzlich wieder zurückgekommen ist. Unter Ludwig XV. und Ludwig XVI. wurden sogar schwarze Perücken aus gesponnenem Glas angefertigt, welche mittels kleiner Eisen frisiert werden konnten und einen Gegenstand der grössten Eleganz bildeten.

Seit langer Zeit war übrigens das doppelt kieselsaure Kali- und Bleisalz bekannt, aus welchem nach einer Analyse von Fougeroux de Boudoroix vom Jahre 1787 der Spiegel Virgil's bestanden hat. Woher der Name „Spiegel Virgil's“, welcher in der Abtei von Saint-Denis aufbewahrt wird, stammt, ist ungewiss, wahrscheinlich gehörte er nur demselben oder ist zu dessen Zeit angefertigt worden.

Bestandteile des Glases, das Wasserglas und dessen Verwendung.

Die Feststellung der Bestandteile des Glases und ihrer chemischen Formeln sind Berzelius zu verdanken, welcher die sauren Eigenschaften der Kieselerde untersuchte und für die alkalischen Silikate den kohlensauren Salzen entsprechende Formeln geschaffen hat. Sämtliche Glasarten bestehen aus doppelt kieselsauren Salzen mit einer. alkalischen Basis, dem Natron oder Pottasche und einer erdartigen oder metallischen Basis, wie Kalk, Schwerspat, Thonerde, Bleioxyd u.s.w. Ihre chemischen Eigenschaften ändern sich je nach den letzteren.

Das Wasserglas wird aus einem Gemisch von Sand und kohlensaurem Natron hergestellt, welches einer hohen Temperatur ausgesetzt wird, wobei der Sand überwiegen muss, da andernfalls die Zersetzung nicht vollkommen ist und die Kohlensäure nicht frei wird. Dies kann noch durch einen Zusatz von Kohlenstaub unterstützt werden, jedoch in ausreichender Menge, um die Umwandelung sämtlichen Gases in Kohlenoxyd zu bewerkstelligen. Das Wasserglas wird von kaltem Wasser nicht oder doch wenig angegriffen, dagegen ist es in kochendem Wasser löslich. Das Wasserglas bildet eine klebrige, in konzentriertem Zustand trübe Flüssigkeit.

Die Lösung zu gewerblichen Zwecken enthält im allgemeinen 28 bis 35° auf 100 Teile Wasserglas; an der Luft erhält man eine glasartige Masse, welche noch 10 bis 12° auf 100 Teile Wasser enthält. Mit Schwefelsäure oder Chlorwasserstoffsäure behandelt, ergibt es eine gallertartige Masse.

Ungeachtet der schweren Löslichkeit der alkalischen Silikate in kaltem Wasser können dieselben dennoch nicht zur Anfertigung von Trinkgefässen oder anderen zur Aufbewahrung von Flüssigkeiten bestimmten Gefässen gebraucht werden. Im Jahre 1780 versuchte man in Bayel in der Champagne Trinkgefässe anzufertigen und verwendete hierzu eine Zusammensetzung von 100 Teilen Glaserde, 100 Teilen Pottasche und etwas Kalk. Die hiervon verfertigten Gläser waren unklar und von geringer Haltbarkeit; sie zerflossen leicht und bildeten eine starke alkalische Lösung. Die alkalischen Silikate und besonders das Wasserglas können als erste Substanz der Produkte der Glasfabrikation angesehen werden, welche, man jedoch nur durch Mischung des löslichen Glases aus einer erdartigen oder metallischen Basis erhalten kann.

Hinsichtlich anderer Verwendungen des Wasserglases heben wir besonders seine Widerstandsfähigkeit gegen Feuer hervor.

Seit dem schrecklichen Brand des Wohlthätigkeitsbazars und der Comédie française hat die Imprägnierung gegen Feuer eine hervorragende industrielle Bedeutung erhalten. Auf der Weltausstellung 1900 war die Benutzung nicht imprägnierten Holzes und Gemälde verboten. Sämtliche Theaterdekorationen müssen jetzt dem heftigsten Feuer widerstehen und sind die Vorschriften so streng, dass infolgedessen eine ganze Reihe von Mitteln zur Imprägnierung gegen Feuersgefahr erfunden worden sind. Man darf jedoch nicht annehmen, dass die Lösung dieser Aufgabe darin bestehen kann, das Harz oder auch das