Text-Bild-Ansicht Band 319

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Ich will in vorliegendem den Ausführungen des geschätzten Autors, besonders was die hygienische Seite dieser Frage anbelangt, möglichst wortgetreu folgen, besonders insoweit er über die Typhusepidemien in Paris, Soest und Paderborn berichtet.

3. Die Typhusepidemien von Paris.

Den Hauptanstoss für die Untersuchungen von Prof. Gärtner bildeten die Typhusepidemien der Stadt Paris, welche sich erst dann in bedrohlicher Weise einstellten, als die neuen Wasserleitungen in Paris fertig geworden waren.

Prof. Gärtner schreibt hierüber:

„Die Stadt Paris ist mit Wasser nicht einheitlich versorgt, sondern besitzt eine getrennte Wasserversorgung mit Nutzwasser aus dem Canal de l'Qurcq, aus der Marne und der Seine und eine dreifache Wasserversorgung mit Trinkwasser und zwar aus den Quellen der D'huis, der Vanne und der l'Arvre.

Bis zum Jahre 1866 war Paris nur auf die erstgenannten Wässer angewiesen, welche oberflächlich filtriert zum Verbrauch gelangten, erst im Jahre 1866 wurde das Hochquellwasser der D'huis, im Jahre 1874 wurden die Hochquellen der Vanne in die Stadt eingeführt und im Jahre 1893 wurde durch die Zuführung der Hochquelle der Arvre die Trinkwasserleitung vollendet und die Zuführung des filtrierten Seinewassers zu Trinkzwecken eingestellt.

Obzwar schon vor der Einführung der neuen Wasserleitung in Paris wiederholt Typhusfälle vorgekommen sind, so arteten dieselben niemals zu einer förmlichen Epidemie aus, sondern es kamen Typhustodesfälle vor, ohne im allgemeinen bedrohlich zu werden.

Jedoch schon im Frühjahr des nächsten Jahres 1894 brach eine Typhusepidemie aus mit 454 Todesfällen und über 1000 Erkrankungen, welche allein in den Hospitälern gerechnet wurden, wobei die Zahl der Meldungen häuslicher Behandlung nicht berücksichtigt ist.

Im Jahre 1899 brach abermals eine grosse Typhusepidemie in Paris aus, bei welcher über 2000 Fälle zur Meldung gelangten.

Diese wiederholten zwei grossen Epidemien stachelten die Behörde auf das äusserste auf, um den Grund derselben zu erforschen.

Eine eigene Untersuchungskommission wurde eingesetzt, welche mit Zuziehung von Fachleuten aller in Betracht kommenden Wissenszweige die eingehendsten Untersuchungen anstellte, um die Ursachen dieser Epidemien zu erforschen.

Die Resultate dieser Erforschungen sind bereits längst in einwandfreier Weise abgeschlossen, es ist vollkommen vorurteilslos zu Werke gegangen worden und das sonst bei solchen Gelegenheiten übliche Vertuschungssystem wurde endlich einmal über Bord geworfen.“

Die Ergebnisse dieser Untersuchungskommission, wie solche Prof. Gärtner in seiner Denkschrift auführt, sind so hochinteressant und wichtig, besonders in einer Zeit, wo noch andere grössere Städte, darunter auch Brunn, sich anschicken, von denselben nichts lernen zu Wollen und ebenfalls Wasserleitungen von solchen berüchtigten „Hochquellen“ auszuführen, dass es zeitgemäss erscheint, dieselben ausführlicher zu besprechen.

Die vom Seinepräfekten ernannte Kommission bestand aus den Aerzten Dr. A. J. Martin, und Dr. Thierry, dem Geologen Janet, den Bakteriologen Dr. Miguel und Combier, den Chemikern Albert Lévy und Marbontin und den Kulturingenieuren Dinert und le Couppey.

Ihre Arbeiten legte die Kommission in einem grossenWerke nieder: „Traveaux des années 1899–1900, sur les eaux de l'Arvre et de la Vanne“, Paris 1901.

A. J. Martin wurde mit der medizinischen und epidemiologischen Untersuchung beauftragt.

Er stellte zunächst die vor der Epidemie im Umkreise der Stadt vorgekommenen primären Typhusfälle fest, welche Veranlasser der Epidemie sein konnten.

Mit vollster Sicherheit wurde nachgewiesen, dass in der Umgebung von Paris und zwar unmittelbar im Niederschlagsgebiete der Hochquellen wiederholt primäre Typhusfälle vorgekommen sind.

Bezüglich der ersten Epidemie im Jahre 1893 wurde nachgewiesen, dass in der Ortschaft Rigny, im Quellgebiete der Vanne, in den Monaten Dezember 1892 bis 1893 drei Typhusfälle vorgekommen sind und die volle Wahrscheinlichkeit bestand, dass die Ausleerungen der Kranken, welche völlig undesinfiziert auf die Düngerhaufen kamen, durch die in der Nähe angelegten Drains in das Leitungswasser gelangt sind.

Die Stadtverwaltung machte einen Färbeversuch mit Fluorescein, hat jedoch von dem Ergebnis desselben nichts verlauten lassen.

Während der Epidemie von 1899, als bereits die amtliche Untersuchungskommission ernannt war, gelang der Nachweis über den Ursprung und die Verbreitung des Typhus bereits mit vollständiger Sicherheit.

Es wurde nachgewiesen, dass unzweifelhaft die Epidemie durch die Vannewasserleitung aus der Stadt Sens eingeschleppt wurde.

Der ganze Höhenzug südlich der Vanne im Bezirk um die hierliegende Stadt Sens besteht aus einer mächtigen Kreidebildung, welche auch nach dieser Stadt, weil sie hier besonders gut entwickelt vorkommt, den Namen Senon führt. Das Gebirge ist, wie die Gebirge der Kreideformation überhaupt, sehr zerklüftet, die Niederschlagswässer versinken zumeist sofort nach dem Niederfall in den Boden. Durch Färbungen der unterirdischen Wässer mit Fluorescein wurde nachgewiesen, dass alle unterirdischen Wässer, besonders bei hohem Grundwasserstand, daselbst in Verbindung stehen. Durch Einschütten dieses Farbstoffes in einen Erdfall bei Jouchèry wurde bei einer kürzesten Entfernung von 11,7 km von der Quelle der Vanne der Farbstoff auf einem Terrain nachgewiesen, welches eine Basis von 16–17 km und einen oberen Winkel von 90–100° hatte.

Nicht nur das Wasser der grossen Quellen, sondern auch das aus dem Senon hervortretende Sickerwasser wurde gefärbt.

Von Miguel wurde eine grosse Menge Bierhefe kurz nach dem Versuch in denselben Erdsturz geschüttet, welche ebenfalls an allen Quellen zutage trat, nur dauerte es nicht 3½ Tage wie bei dem Fluorescein, sondern 5–6 Tage.

Es gelang beinahe mit mathematischer Sicherheit nachzuweisen, woher die pathogenen Keime gekommen sind, wann und wo sie in das Leitungswasser gelangten und alle diese Daten stimmten mit dem Ausbruche der Epidemie in Paris vollkommen überein. Prof. Gärtner schreibt diesbezüglich: „Die Infizierbarkeit der Quellen sowohl aus der Nähe, z.B. von les Lièges, Vareilles und Vaumont ist von Albert Levy und Miguel in überzeugendster Weise erwiesen worden.

Von grosser Bedeutung war auch der Nachweis, dass dem, starken Anstieg der Typhussterblichkeit in Paris und Sens in der Mitte Juli ein starker Regenfall und damit eine bedeutende Steigung der Keimzahl gegen Ende Juni vorausgegangen ist; es korrespondieren also Erkrankungszeit und stark bakterienhaltiges Quellwasser bezüglich der Inkubationszeit sehr gut.“

Martin konstruierte graphische Darstellungen welche