Text-Bild-Ansicht Band 319

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viele, die den jungen, eben in den Beruf eintretenden Mann auf den gleichen Weg verwiesen und von allen Bestrebungen, ihm durch Unterweisung von erfahrener Seite den Weg zu ebnen, nichts wissen wollten. Derartige Belehrung wurde von ihnen als graue Theorie bezeichnet, die für die Praxis wenig nütze. Wenn nun auch zweifellos durch ein derartiges Studium allein niemand zu einem wirklich wirtschaftlich denkenden Manne der Praxis sich heranbilden kann, so gibt es doch anderseits eine Reihe von Kenntnissen, auf denen fussend es leichter ist, die Erscheinungen des wirtschaftlichen Lebens zu erfassen. Und so sehen wir denn auch, dass jene eben erwähnten Bestrebungen von verschiedenen Seiten weiter durchgeführt werden und bereits manchen Erfolg gezeitigt haben.

Eine eingehende Schilderung dieser ganzen Verhältnisse gibt Dr. Hermann Beck in seiner vor kurzem erschienenen Broschüre „Recht, Wirtschaft und Technik“, die als eine erweiterte Ausarbeitung des in zahlreichen technischen Vereinen gehaltenen, gleichnamigen Vortrages anzusehen ist; dieser ist übrigens auch vor kurzem in der „Zeitschritt des Vereins deutscher Ingenieure“ erschienen und dürfte auch wohl vielen Lesern von „Dinglers Polytechnischem Journal“ bekannt sein. Ohne näher auf die einleitenden Ausführungen dieser Schrift einzugehen, welche sich mit den zahlreichen, verschiedenartigen Beziehungen zwischen Recht, Wirtschaft und Technik befassen, möchte ich doch nicht verfehlen, an dieser Stelle kurz auf den Hauptteil hinzuweisen, welcher sich eingehend mit der Frage der rechts- und wirtschaftswissenschaftlichen Bildung des Ingenieurs befasst.

Es sind hier mehrere Bestrebungen zu unterscheiden: Die erste wird von akademischer Seite vertreten und findet ihren Ausdruck in der neuen Diplom-Prüfungs-Ordnung für Maschinen-Ingenieure, wie sie für die Technische Hochschule in Charlottenburg erlassen ist. Diese macht einen Unterschied zwischen fünf verschiedenen Arten von Maschinen-Ingenieuren, von denen eine, uns hier besonders interessierende, als „Verwaltungs-Ingenieur“ gekennzeichnet wird. Er soll bereits auf der Hochschule sich Kenntnisse wirtschaftlicher Art in umfassender. Weise aneignen, indem er neben dem Hören entsprechender Vorlesungen zur Anfertigung von Uebungsarbeiten über Volkswirtschaftslehre, Rechts- und Verwaltungskunde, Berechnungen von Anlage- und Betriebskosten und dergl. mehr verpflichtet wird. Es wird dieser Richtung von anderer Seite der Vorwurf gemacht, dass eine derartige Spezialisierung bereits auf der Hochschule verfrüht sei. Den Wert wirtschaftlicher Kenntnisse und das volle Verständnis dafür könne sich ein junger Mann erst dann klar machen, wenn er in der Praxis den Mangel entsprechender Kenntnisse unangenehm empfunden habe. Ob ferner gerade die Fähigkeiten in ihm entwickelt seien, die ihn zum späteren Organisator industrieller Unternehmungen oder städtischer und staatlicher Verwaltungen befähigen, würde sich erst nach mehreren Jahren der Praxis herausstellen. Dann aber sei es zur Wahl einer anderen Richtung des Ingenieurberufes zu spät, wenn ihm die Hochschule nicht die volle Ausbildung in technisch-wissenschaftlicher Beziehung geboten habe, und hierzu sei bei nur vierjährigem Studium durch die starke Beschäftigung mit Fragen wirtschaftlicher Natur nicht genügend Zeit gewesen.

Den letzten Fehler dieser zuerst gekennzeichneten Richtung will eine zweite vermeiden, die für den auf einer technischen Hochschule vollständig ausgebildeten Ingenieur ein besonderes Studium wirtschaftlicher Fragen während 1–2 Semestern fordert. Vertreten wird dieser Standpunkt insbesondere durch die Frankfurter Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften, die die Möglichkeit eines derartigen Studiums übrigens nicht nur Ingenieuren,sondern auch Kaufleuten, Juristen und sonstigen im industriellen und öffentlichen Leben Stehenden ermöglichen und dadurch ein gegenseitiges Verständnis zwischen den verschiedenen Ständen vermitteln will. Aber ein derartiges Studium von 1–2 Semestern kann den ersten, gegen jene andere Richtung erhobenen Vorwurf nur dann entkräften, wenn erst derjenige sich dazu entschliesst, der bereits mehrere Jahre vorher in der Praxis die Lücken seiner Bildung gerade nach der gekennzeichneten Richtung empfunden hat. Und bei dem immer schärfer werdenden Wettbewerb im Kampf ums Dasein werden es nur die an Glücksgütern reicher Gesegneten sein, die sich ein derartiges Heraustreten aus der Praxis ermöglichen können. Das wird selbst dann noch bis zu einem gewissen Grade der Fall sein, wenn dem Einzelnen durch Vereine gemeinnütziger Natur eine Unterstützung in materieller Beziehung während dieses Studienjahres geboten wird, wie das insbesondere seitens der Gesellschaft für wirtschaftliche Ausbildung in Frankfurt a. M. geschieht, deren Sekretär der Verfasser der oben erwähnten Schrift, Dr. Hermann Beck, ist. Fast immer wird auch heute noch der junge Mann auf das Selbststudium entsprechender Schriften angewiesen sein. Wie schwer sich das aber im praktischen Falle gestaltet, wird jeder ermessen können, der einmal selbst ernsthaft versucht hat, sich mit diesen Fragen ohne jeden helfenden Rat von berufener Seite zu beschäftigen.

Unter dem lebendigen Eindruck, welchen der Vortrag des Dr. Beck im Bochumer Bezirksverein deutscher Ingenieure auf mich gemacht hat, habe ich daher diesem gegenüber die Anregung gegeben, gewissermassen als Fortsetzung des eben Gehörten einen ganzen Zyklus von Vorträgen abzuhalten, in dem „in knapper Form und unter Weglassung des dem praktisch tätigen Ingenieur bereits geläufigen Stoffes das Wesentlichste von dem geboten würde, was in Frankfurt z.B. in den Vorlesungen über Bilanzwesen, Fabrik-Buchhaltung, Waren-Kalkulation und Selbstkostenwesen, Fabrik-Organisation sowie in einigen allgemeinen Vorlesungen vorgetragen würde“. Dieser Gedanke hat vielfach lebhaften Beifall gefunden und meine damalige Unterredung hat inzwischen zu einem Vortragskursus Veranlassung gegeben, welcher vom 10.–22. Oktober d. J. in Frankfurt a. M. abgehalten werden wird. Nach Art der Ferienkurse, wie sie in anderen Berufen, im Aerzte- und Lehrerstande längst Sitte sind, sollen dort von den ersten Lehrern der Frankfurter Akademie 2 Wochen hindurch Vorlesungen gehalten werden, die den Hörer täglich etwa 6 Stunden in Anspruch nehmen werden. Das ganze Unternehmen wird am besten dadurch charakterisiert, dass wir die Themata namhaft machen, die von den betreffenden Dozenten gewählt sind:

Grundzüge des Aktienrechts 6 Stunden.
„ der Verfassung 5
Bilanzwesen mit einer Einführung in die
Buchhaltung

12

Notenbank- und Diskontowesen in den
Haupt-Kulturstaaten

6

Grundzüge der technischen Oekonomik 5
Fabrik-Organisation 6
Gewerbehygiene 4

Es ist ja nicht ausgeschlossen, dass bei diesem Vortrags-Zyklus als dem ersten seiner Art in der Wahl der Themata oder in der Weise, wie der einzelne Stoff vorgetragen wird, manches als verbesserungsfähig sich herausstellt. Zu bedenken ist da eben, dass die Dozenten vor einer Zuhörerschaft lehren werden, die von der ihnen bisher gewohnten gänzlich verschieden ist, da sie sich zum grössten Teile aus Männern zusammensetzen wird, die bereits jahrelang in der Praxis tätig sind. Jedenfalls