Text-Bild-Ansicht Band 324

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davon Gebrauch gemacht. In vielen Fällen begnügt man sich dabei mit einem nur verschiebbaren Ausleger, wie ihn Fig. 1 nach einer Ausführung von Ludwig Stuckenholz zeigt. Der Ausleger a ruht mittels Laufrollen auf den Untergurten der Kranträger b; er wird durch den Motor e mittels des Seiles f verschoben. Die Hubwinde befindet sich auf der Laufkatze c, die sich auf den Unterflanschen des Auslegers bewegt. Ihre Fahrbewegung wird durch den Motor g und das Seil h bewirkt, d ist der Kranfahrmotor.

Nützliche Dienste kann auch schon ein Laufkran mit festem Ausleger leisten, wie ihn die Firma Carl Schenck in Darmstadt für Handbetrieb ausgeführt hat, Fig. 2 u. 3. Die Kranträger a kragen unter dem Kranbahnträger b in den Nebenraum hinein. Bei dieser Anordnung muß der Kranbahnträger natürlich auf seiner ganzen Länge freitragend sein.

Der von dem Lautkran bestrichene Raum läßt sich von dem Lasthaken völlig beherrschen, wenn der Ausleger außer der Verschiebbarkeit noch Drehbarkeit besitzt; in D. P. J. 1908, S. 65 und 66 sind solche Ausleger-Laufdrehkrane und deren betriebstechnische Vorteile besprochen worden. Die dortigen Erörterungen wären noch dadurch zu ergänzen, daß die Last nicht nur in den Seitenschiffen, sondern auch bei genügender Höhe des Einganges außerhalb der Werkstätte an deren Stirnwänden abgesetzt werden kann, ohne daß die Fahrbahn des Kranes nach außen verlängert zu werden braucht.

Bei kleinerer Spannweite genügt auch schon die bloße Drehbarkeit des Auslegers; eine solche Anordnung findet man u.a. bei den neuen Helling-Krananlagen für Blohm und Voß und für die Hamburger Werft des Stettiner Vulkans, D. P. J. 1908, S. 547.

Fig. 4 zeigt ferner einen derartigen leichteren Kran der Benrather Maschinenfabrik für die Schiffswerft von William Doxford and Sons, Sunderland. Die Tragkraft beträgt nur 760 kg, die Ausladung 2660 mm und die Spurweite 1680 mm. Die Hub- und Fahrbewegung wird durch Elektromotoren, die Drehbewegung von Hand bewirkt. Die beiden Anlasser sind mittels Flanschen an der Hängesäule befestigt; sie werden von Flur aus durch Handketten betätigt. Oben an der Säule bemerkt man den Schleifringkontakt für die zentrale Stromzuführung. Der Kran zeigt einen sehr geschickten Aufbau und gute konstruktive Ausgestaltung; in seiner Art kann er schon vorbildlich gelten. Seine Identität mit einem umgekehrten Drehkran ist hier vollkommen. Die Erbauerin nennt ihn daher mit Recht Deckendrehkran.

Textabbildung Bd. 324, S. 675

(Fortsetzung folgt.)

Kritik des neuen Schnellbahn-Systems von August Scherl.

Von Wolfgang Adolf Müller.

Der bekannte Berliner Zeitungsverleger August Scherl hat der Oeffentlichkeit eine Denkschrift1) über ein neues Schnellbahnsystem unterbreitet, die in mancherlei Hinsicht weitere Beachtung und Kritik verdient.

Bevor wir an eine fachliche Kritik der neuen Vorschläge – denn mehr als Vorschläge sind nicht gegeben – herangehen, seien einige Gedanken über das Vorwort der Denkschrift vorausgeschickt.

Wenn Scherl sagt, daß den fachmännischen Spezialisten der intuitive Blick für die großen Notwendigkeiten des öffentlichen Lebens abgehe, so hat er gewiß nicht unrecht damit, denn das übertriebene Spezialistentum birgt auch in der Technik die große Gefahr in sich, daß nicht nur die Fachgelehrten, sondern auch oft genug die praktischen Ingenieure sich ganz einseitig auf einen winzig kleinen Arbeitsausschnitt festlegen, wodurch die an sich dem Techniker eigenen intuitiven Fähigkeiten naturgemäß verkümmern müssen. Aber nicht richtig ist, wenn Scherl nun dem „Laien“ ohne weiteres eine höhere Anschauungsfähigkeit zuspricht. Dies geht schon daraus hervor, daß bedeutende praktische Erfindungen häufig von solchen Laien gemacht wurden, die zwar in der Technik Nichtfachleute, aber durch ihren Beruf (z.B. Aerzte, Geistliche usw.) ebensogut wiederum zu diskursiver Erkenntnis erzogen waren. Es gibt eben nicht Laien, sondern ganz allgemein „Menschen,“ seien dies nun Laien oder Fachleute, die eine besondere, meistens angeborene Fähigkeit besitzen, mit Leichtigkeit das Wesentliche einer noch so verwickelten Sache anschaulich vor Augen zu haben, denen es daher auch leichter möglich ist, unter zunächst vollständiger Ignorierung des Nebensächlichen aus wenigen Leitlinien das Ganze zweckdienlich und einheitlich zusammenzubauen, zu organisieren.

Scherl wehrt sich weiter gegen die gelegentlich seiner früheren Projekte erhobenen Vorwürfe der „Vielgeschäftigkeit,“ des „Projektemachens,“ des „unsteten Phantasten.“ Gerade der letztere Vorwurf wird durch seine eigenen Worte eher bekräftigt, denn nach diesen sollte man glauben, daß seine rastlose Tätigkeit in seinem Zeitungsverlage rein altruistischen Motiven entspringe. Daß sie auch viel Geld einbringt, ist natürlich nur eine unangenehme Begleiterscheinung, die man in Kauf nehmen muß, daher wird dieser Faktor nicht erst erwähnt. Ueberhaupt das Geld scheint Herr Scherl nicht zu lieben, denn wie bei dieser Gelegenheit, so vermeidet er es ganz besonders, nachher bei der technischen Erläuterung seines neuen Systems, davon zu sprechen. Und wer ein Projekt von der Kühnheit des Scherlschen „macht,“ ohne dabei auch nur den Versuch

1)

Ein neues Schnellbahn-System. Vorschläge zur Verbesserung des Personenverkehrs von August Scherl. Berlin 1909, Verlag von August Scherl. 122 S. Querfolio mit zahlreichen Abbildungen und Tafeln. Preis Mk. 3.–.