Text-Bild-Ansicht Band 327

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zuteil werden ließ, erwarben ihm viel Verehrung und Liebe bei seinen Zeitgenossen und Mitarbeitern. Die Feier der 1000sten Lokomotive war ein Fest nicht nur für die Borsigwerke, sondern auch für ganz Berlin, ein wahres Volksfest!

1878, am 10. April, starb Albert Borsig im 50sten Lebensjahre an einem Herzleiden. Seine Werke hinterließ er seinen drei Söhnen, die noch nicht volljährig waren, weshalb der Nachlaß durch ein Kuratorium verwaltet werden mußte. Den Vorsitz dieses, aus Direktoren des Werkes bestehenden Kuratoriums übernahm der Justizrat Riem.

Für den Lokomotivenbau war diese Zeit nicht günstig. Die starke Einschränkung im Bedarf nach der Verstaatlichung der preußischen Bahnen wirkte derart entmutigend auf die Fabrikation, daß von dem wohl zu vorsichtigen Kuratorium beschlossen wurde, sich auf Herstellung von Sekundär- und Straßenbahnlokomotiven zu beschränken. Die Grundstücke an der Chausseestraße wurden verkauft, die Lokomotivfabrik aufgelöst. Zu diesem Zeitpunkt hatte die 4190ste Lokomotive die Borsigschen Werkstätten verlassen, eine von keiner anderen europäischen Fabrik damals erreichte Zahl. Glücklicherweise ging es in anderen Fabrikationszweigen besser, namentlich erfolgreich war der Pumpenbau, der infolge des Ausbaues zahlreicher städtischer Wasserwerke und Kanalisationsanlagen blühte.

Albert Borsigs Söhne hatten von ihrer Mutter eine überaus sorgfältige Erziehung erhalten, wobei die ihrer wartende bedeutungsvolle Aufgabe maßgebend war. Arnold Borsig, der älteste, war 11 Jahre alt, als sein Vater starb. Er studierte Berg- und Hüttenwesen, arbeitete praktisch als Steiger und ging schließlich nach Borsigwerk, um sich über seinen zukünftigen Wirkungskreis zu unterrichten. Ernst Borsig studierte in Bonn und an der Technischen Hochschule zu Charlottenburg, er arbeitete praktisch in der eigenen Maschinenfabrik. Conrad Borsig, der jüngste, wurde kaufmännisch ausgebildet, arbeitete im Bankfach und in zahlreichen auswärtigen Exportgeschäften. In ihrer Ausbildung ergänzten sich die drei Brüder aufs glücklichste, so daß ein harmonisches Zusammenarbeiten zu erwarten war. Unterdessen waren die Zustände unter dem Kuratorium unhaltbar geworden, so daß sich die beiden älteren Brüder nunmehr entschlossen, an die Spitze des Unternehmens zu treten, während der jüngste die kaufmännische Leitung übernehmen sollte.

Arnold Borsig, der ein Abbild seines Großvaters war, ging nun mit größtem Eifer ans Werk. Mit weitschauendem Blick erkannte er, daß im Bergwerk der Anfang der Verbesserungen gemacht werden müsse. Auch im Hüttenbetrieb traf er vorbereitende Maßnahmen. Diesem tatenfrohen Schaffen setzte das Schicksal ein jähes Ende. Bei Untersuchung eines Grubenbrandes wurde Arnold mit seinem Chefchemiker durch eine Explosion getötet.

Seinen Brüdern gelang es erst nach einem Jahr den Mann zu finden, der Arnold Borsigs Wirkungskreis ausfüllen konnte. Es war der Kommerzienrat Adolf Märlin.

Die Leitung des Berliner Werks übernahm Ernst Borsig am 23. April 1894 erst allein, von 1897 ab teilte er sich in der Geschäftsführung mit seinem Bruder Conrad. Man beschloß vor allem, den Lokomotivenbau wieder aufzunehmen, sowie den anderen Zweigen eine neue, zeitgemäße Einrichtung zu geben. Zu diesem Zweck wurde das am Tegeler See gelegene große Grundstück vollständig neu bebaut, so daß der Lokomotivbau und der allgemeine Maschinenbau dort vereinigt werden konnten. Im Herbst 1898 waren die neuen Werkstätten betriebsfähig. Nur wenige der in Berlin benutzten Werkzeugmaschinen wurden in Tegel aufgestellt, der größte Teil mußte neu angeschafft werden.

Conrad Borsig stellte die kaufmännische Organisation auf eine moderne Basis, errichtete zahlreiche auswärtige Vertretungen und eine literarische Organisation, um der zunehmenden Konkurrenz gewachsen zu sein.

Die Gebäude des Tegeler Werkes bedecken rund 28 ha, ihr Rauminhalt beträgt über 700000 cbm. Die Nähe des Wasserweges erleichtert den Materialientransport bedeutend. Im Jahre 1902 wurde die 5000ste Lokomotive geliefert, und jetzt ist die Zahl auf 8500 gestiegen, bei einer jährlichen Produktionsfähigkeit von 450 Stück.

Ueber 20000 Dampfkessel und Dampfmaschinen sind fertiggestellt worden, dazu kommen zahlreiche Pumpen, Kompressoren, Kältemaschinen, hydraulische Pressen, Apparate für die chemische Industrie, sowie Guß- und Schmiedestücke.

Das Borsigwerk in Schlesien erzeugt jährlich 80000 t Roheisen, 115000 t Rohstahl und 106000 t Koks. Die Gruben fördern über 1500000 t jährlich. Davon verbraucht das Borsigwerk 450000 t. In den letzten Jahren wurden in Borsigwerk Ankerketten aus Borsig-Schweißeisen nach einem neuen patentierten Verfahren hergestellt, die in der Kriegs- und Handelsmarine ausgedehnte Verwendung finden.

In Wohlfahrtseinrichtungen für Arbeiter und Angestellte ging die Firma weit über das gesetzlich vorgeschriebene Maß hinaus. Es bestehen: Eine Invalidenkasse, die Louise-Borsigstiftung, die Beamten-Pensionskasse, die Arbeiterkolonien, eine Einkaufsvereinigung, Spielplätze, Parkanlagen, Schulen und Beihilfen zum Besuch höherer Schulen.

Anläßlich der Feier der 5000sten Lokomotive ernannte der Kaiser die beiden Brüder zu Kommerzienräten und verlieh ihnen an seinem fünfzigsten Geburtstage den erblichen Adel. Die Tatkraft und die Schaffensfreude, mit der die heutigen Inhaber der Firma die Erfüllung ihrer großen Aufgaben in Angriff genommen und bisher durchgeführt haben, berechtigen zu der Hoffnung auf fernere dauernde Erfolge.