Text-Bild-Ansicht Band 334

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und diese Stelle soll die bisherige Konzessionsjagd der verschiedenen Nationen in China beseitigen, indem sie die künftige Eisenbahnpolitik des Landes bestimmt, über Neubauten, deren Finanzierung usw. beschließt und die oberste Verwaltung der Nationalbahnen führt.

Sollte der Plan zur Ausführung kommen, so wäre es immer noch sehr fraglich, ob China auf die Entwicklung seines Eisenbahnnetzes mehr Einfluß erhielte als bisher, wohl aber würden die ehrgeizigen Absichten Japans auf China vereitelt werden und daran ist England gelegen, das nicht gewillt ist, die chinesischen Bahnen unter Japans Kontrolle kommen zu lassen. Wahrscheinlich hofft man in England, in der künftigen Eisenbahnverwaltung Chinas eine ähnliche Rolle zu spielen, wie sie den Briten in der chinesischen Seezollverwaltung zugefallen ist, nach deren Vorbild die englische Presse (Engineering vom 25. 4. 1919) die Bahnverwaltung Chinas eingerichtet wissen will. Auch auf Südamerika hat übrigens Japan ein Auge geworfen und will an dessen wirtschaftlicher Erschließung kräftig mitarbeiten; so sind zum Beispiel in Brasilien im Jahre 1916 mehrere Eisenbahnkonzessionen an Japaner vergeben worden.

Viel wichtiger als Japan scheinen aber die Vereinigten Staaten von Amerika künftig auf dem Gebiete der Finanzierung und des Baues von Eisenbahnen in Asien und Südamerika werden zu wollen. Die Amerikanische Union, deren Bahnen seinerzeit großenteils mit englischem Gelde gebaut worden waren, hat heute nicht nur alle amerikanischen Bahnwerte, die England besaß, von ihm zurückgekauft, sie sucht auch bereits immer mehr an Englands Stelle als Geldgeber aufzutreten, wo es sich um den Bau von Eisenbahnen handelt. Dieses Bestreben geht Hand in Hand mit der großen weltwirtschaftlichen Neuorientierung, die die amerikanischen Finanzkreise seit dem Kriege vornahmen, um einen amerikanischen Weltexport zu schaffen, und wird durch die große Kapitalanhäufung, die der Krieg in der Union gezeitigt hat, begünstigt. Eine Verkörperung dieser weltwirtschaftlichen Bestrebungen bildet sozusagen die American International Corporation, jene große Finanzierungsgesellschaft für den internationalen Markt, die von der National City Bank 1915 ins Leben gerufen wurde, und die Tätigkeit dieses großzügigen Unternehmens wird den Kapitalmarkt der Union künftig für Investierungen in Auslandseisenbahnen leichter als früher zugänglich machen, da sich ihr Arbeitsgebiet gerade auch auf die Finanzierung und den Bau von Eisenbahnen im Auslande erstreckt. Ein größerer Vorstoß wurde während des Krieges von den Amerikanern in China gemacht, wo die American International Corporation 1916 eine Reihe wichtiger Eisenbahnkonzessionen im Süden des Landes erwarb und die Sieurs-Carey Railway & Canal Co. den Bau der Szetschuan-Bahn begonnen hat. Trotzdem haben die Amerikaner die günstige Gelegenheit, die sich ihnen in China während des Krieges bot, nicht so ausgenutzt wie es möglich gewesen wäre. Ihr Hauptinteresse richtet sich heute auf Rußland und Sibirien. In dem zukunftsreichen Sibirien, dessen wirtschaftliche Erschließung Amerika offenbar als sein Vorrecht betrachtet, haben die Amerikaner bereits zahlreiche bedeutende Eisenbahnprojekte entworfen oder ausgeführt, und der Ausbau des sibirischen Bahnnetzes scheint ganz amerikanische Angelegenheit geworden zu sein. Nach neuesten Nachrichten aus russischen Quellen haben die Amerikaner kürzlich die Transsibirische Bahn unter ihre Leitung genommen, und jetzt scheinen sie auch im Sowjet-Rußland England und Frankreich im Wettbewerb um die Ausbeutung der russischen Wirtschaftsmöglichkeit zuvorgekommen zu sein, indem nach Berichten aus Kopenhagen ein amerikanisches Finanzsyndikat von der Regierung Lenins neben anderen Konzessionen das Recht erwarb, Eisenbahnlinien in Länge von 3000 Werst im Norden Rußlands anzulegen, um Sibirien mit der Murmanbahn und Petersburg zu verbinden. Auch auf Vorderasien, wo es ja noch sehr an Eisenbahnen fehlt, haben die Amerikaner ihre Aufmerksamkeit gerichtet, und Anfang dieses Jahres wurde in New York mit 100 Mill. Dollar ein Unternehmen gegründet, welches den Bau und Betrieb von Bahnen in Persien bezweckt, also in einem Lande, wo England die größten Interessen hat. Es heißt, daß der Morgan-Konzern das Unternehmen organisiert und daß der frühere Finanzminister Persiens, Shuster, ihm nahesteht. Die Höhe des Kapitals läßt darauf schließen, daß man sich bei der eigenen Regierung des Schutzes der zu schaffenden Interessen versichert haben wird, auch dann, wenn diese mit den englischen zusammenstoßen sollten. Nicht zuletzt dürfte sich ferner in Mittel- und Südamerika ein geeignetes Feld für die amerikanische Konkurrenz Englands in der Finanzierung von Eisenbahnbauten bieten, da die Amerikaner die dortigen Märkte heute wirtschaftlich mehr als je unter ihren Einfluß gebracht haben. Die nach der „Times“ vom 18. 5. 1919 geplante Ueberlassung brasilianischer und anderer südamerikanischer Werte durch England und Frankreich an die Union als Garantie für die Ententeschulden würde diesen Einfluß noch erheblich verstärken.

Die britischen Finanzkreise, die in ihrer freien Betätigung, so weit Kapitalanlagen im Auslande in Betracht kommen, noch immer durch die staatliche Kontrolle behindert sind, verfolgen mit Argusaugen das Auftreten der Amerikaner als Geldgeber auf dem internationalen Markt. Aber England ist auf lange hinaus nicht in der Lage, in überseeische Eisenbahnunternehmungen etwa die Summen hineinzustecken wie vor dem Kriege. Amerika ist finanziell ihm gegenüber entschieden im Vorteil und die Großbanken in New York sind von dem Ehrgeiz beherrscht, die Rolle des Weltbankiers selber zu übernehmen. Der Ausbau des Welteisenbahnnetzes wird jedoch aller Wahrscheinlichkeit nach in den nächsten Jahren langsamer vor sich gehen als vor dem Kriege, da die Vereinigten Staaten kaum den Ausfall voll werden decken können, der durch die finanzielle Erschöpfung des alten Europa und insbesondere Englands entstehen muß.

Polytechnische Schau.

(Nachdruck der Originalberichte – auch im Auszuge – nur mit Quellenangabe gestattet.)

Wirtschaft.

Die Arbeitschauuhr als Hilfsmittel der Psychotechnik. Unser wirtschaftlicher Wiederaufbau erfordert sorgfältigste Heranziehung aller im Volke vorhandenen geistigen und körperlichen Kräfte. Die Erkenntnis, daß jeder an die richtige Stelle gestellt werden muß und an dieser Stelle seine Kräfte in der ergiebigsten Weise nutzbar machen muß, führte einesteils zur wissenschaftlichen Betriebführung, andererseits zum Versuch, die Frage der Berufsberatung auf wissenschaftlicher Grundlage zu fördern unter Heranziehung der praktischen Psychologie.