Text-Bild-Ansicht Band 334

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Betriebe auch zu sehr viel größerer Sauberkeit und Sorgfalt in bezug auf seine Arbeit erzogen werden. Auch die in Amerika jetzt häufiger anzutreffende Ausschmückung der Werkstatträume – man hat zum Beispiel Topfpflanzen in den Betrieben aufgestellt und beim Bau neuer Werkstätten bereits Konsolen zur Aufnahme von Geranien und dergleichen an den Säulen vorgesehen – wirkt in diesem Sinne. Man hat auch in Amerika eingesehen, daß unter dem Eindruck eines gepflegten Arbeitsraumes die Arbeitsfreudigkeit des Arbeiters wächst und das Erzeugnis höherwertig wird.

In Deutschland sind derartige Ueberlegungen längst nicht mehr fremd, der Deutsche Werkbund tritt seit vielen Jahren für eine Veredelung der deutschen Arbeit gerade auch im Sinne einer Verschönerung der Arbeitstätte ein und eines der bedeutendsten Industriewerke Oesterreichs, die Tiegelgußstahlfabrik Poldihütte, schrieb 1914 auf der Werkbundausstellung in Köln als Leitspruch für ihre Arbeitsweise über ihre Erzeugnisse „Nur in edler Umgebung gedeiht edle Arbeit“.

Speiser.

Wirtschaft.

Die Entwicklung der chemischen Industrie Frankreichs während des Krieges. Während des Krieges waren alle uns feindlichen Großmächte bestrebt, ihrer scit langer Zeit bestehenden Abhängigkeit von der deutschen chemischen Industrie ein Ende zu machen; namentlich gilt dies von der Farbstoffindustrie. In besonders hohem Maße war die chemische Industrie Frankreichs von Deutschland abhängig, denn von dem gesamten Außenhandel Frankreichs in chemischen Erzeugnissen entfielen nicht weniger als 66 v. H. auf Deutschland und von den chemischen Fabriken Frankreichs waren 111 in deutschem Besitz, und zwar zumeist Filialen unserer großen chemischen Werke. Während in den ersten Kriegsjahren sich das Streben nach wirtschaftlicher Unabhängigkeit nur in Aufsätzen und in der Schaffung von Studienkommissionen bemerkbar machte, kam Ende 1916 die Gründung einer großen Farbstoffunternehmung, der Compagnie Nationale des matières colorantes, zustande. Als Voraussetzung für die Entwicklung dieses Industriezweiges wurden von einer Sonderkommission die folgenden Forderungen aufgestellt: 1. Ausbau der Kokereien auf ihre Höchstleistung; 2. staatliche Unterstützung für diejenigen Fabriken, die Teerzwischenprodukte herstellen; 3. Anpassung der Farbstofffabriken an die Bedürfnisse der Kunden; 4. Festsetzung der Zölle für Farbstoffe und Zwischenprodukte nach deren tatsächlichem Wert; 5. Abänderung des Patentrechtes dergestalt, daß nicht die Erzeugnisse, sondern das Verfahren der Herstellung geschützt wird; 6. Steuerfreiheit für Alkohol und Methylalkohol, der in gewerblichen Betrieben Verwendung findet; 7., 8., 9. Ausbau des Transportwesens, des Außenhandelsdienstes und der Statistik.

Die Schwierigkeiten der Farbstoffindustrie in Frankreich liegen vornehmlich in der Rohstoffversorgung, denn Frankreich konnte vor dem Kriege nur 10 bis 13000 t Benzol gewinnen und mußte 90000 t Teerdestillate und Zwischenprodukte aus dem Auslande beziehen. Bis Ende 1917 soll die Erzeugung der französischen Farbstofffabriken auf 1800 t gehoben worden sein, d. i. mehr als die Hälfte der früheren Einfuhr aus Deutschland. Demgegenüber beläuft sich aber der Bedarf Frankreichs an Farbstoffen auf mehr als 10000 t, so daß während des Krieges erhebliche Mengen aus der Schweiz und aus den Vereinigten Staaten von Amerika bezogen werden mußten.

Von anderen chemischen Stoffen mußte Frankreich früher namentlich Nitrate, Schwefelsäure, Salzsäure, Kalisalze, Methylalkohol, Azeton, flüssiges Chlor und Brom aus dem Auslande einführen. Eine Reihe dieser Stoffe wird heute im Zusammenhange mit der Ausdehnung der Munitionsindustrie während des Krieges in ausreichender Menge im Inlande hergestellt, so erzeugen die französischen Schwefelsäurefabriken jetzt erheblich mehr, als der Friedensbedarf beträgt, desgleichen hat die Erzeugung von Brom und Chlor und im Zusammenhang hiermit die Gewinnung von Aetznatron und elektrolytischem Wasserstoff eine große Zunahme erfahren. Auch bezüglich der Herstellung von Kaliumpermanganat, Oxalsäure, Ameisensäure, Tannin, Bisulfit, Zyankalium, Cereisen und Wasserstoffsuperoxyd soll die frühere Abhängigkeit von Deutschland jetzt überwunden sein. Die Gewinnung von Kalisalzen im Inlande endlich würde durch die Annexion von Elsaß-Lothringen (Kalilager in der Umgebung von Mülhausen) ermöglicht.

Ebenso hat die französische Industrie der pharmazeutischen Produkte in den letzten Jahren große Fortschritte gemacht. Antipyrin, Pyramidon, Aspirin, Veronal, Salvarsan und andere früher aus Deutschland bezogene Heilmittel werden jetzt angeblich im Inlande hergestellt. Zum Schütze dieser neuen Industrie werden gesetzgeberische Maßnahmen verlangt, so namentlich Ausdehnung des Patentschutzes auf Arzneimittel, die bisher nicht patentfähig waren, Aenderung des Zolltarifs und Aufhebung des Zwanges der amtlichen Bestätigung neuer Heilmittel. Wie man hieraus sieht, hat die chemische Industrie Frankreichs infolge der langen Dauer des Krieges beträchtliche Fortschritte gemacht, und es wird großer Anstrengungen unserer chemischen Werke bedürfen, um die verlorenen Absatzgebiete wiederzuerobern. (Chem. Industrie 1918, S. 11 und 12.)

Sander.

Die Lohnsteigerungen im englischen Maschinen- und Schiffbau während des Krieges (1914-1919). Es ist bekannt, daß die englische Industrie zurzeit mit sehr hohen Unkosten arbeitet, da insbesondere die Löhne der industriellen Arbeiter stark gestiegen sind. Wie groß diese Steigerungen gerade in dem für den Weltmarkt so wichtigen britischen Maschinenbau gewesen sind, das zeigt die folgende Tabelle: nach „The Morning Post“ vom 20. 5. 1919 stellte sich der Zuwachs der Zeitlöhne in den Hauptzentren der Maschinenbauindustrie von Anfang August 1914 bis Ende April 1919 wie folgt:


Beschäftigung
Zunahme auf die Woche
überhaupt in v. H. der
Vorkriegslöhne
Schilling Pence
Maschinenschlosser
und Dreher

37

11

98
Eisenformer 38 2 92
Arbeiter (ungelernte) 35 5 156

Ungefähr ebenso hoch wie im Maschinenbau sind die Lohnsteigerungen im englischen Schiffbau gewesen. Hier betrug der Zuwachs der Zeitlöhne in den großen Schiffsbauzentren von Anfang August 1914 bis Ende April 1919:


Beschäftigung
Zunahme auf die Woche
überhaupt in v. H. der
Vorkriegslöhne
Schilling Pence
Plattierer 37 4 93
Nieter 37 98
Schiffszimmerer 37 7 91
Arbeiter (ungelernte) 35 2 154

Berücksichtigt muß hierbei noch werden, daß die wöchentliche Arbeitsstundenzahl von früher 53 bis 54 auf 47 heute herabgesetzt ist, ohne daß die Löhne hiervon berührt wurden. Da auch im britischen Kohlenbergbau die Löhne ähnlich stark gestiegen sind – um etwa 110 bis 120 v. H. nach autoritativen Berechnungen –,