Text-Bild-Ansicht Band 50

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abzuscheiden im Stande war. Durch einen Zufall kam man darauf, daß das Weizenmehl, wenn man es mit einer gewissen Menge Wasser vermengt und einer mäßigen Wärme aussezt, gährungsfähig ist, und daß durch diese Gährung die Klebrigkeit des Mehles aufgehoben, und der Geschmak desselben um Vieles verbessert wird, so daß es ein leichtes, angenehmes und leicht verdauliches Brod gibt.

Erst seit einem Jahrhunderte kennt man die Natur und die Bestandteile des Getreides, die Menge des darin enthaltenen Nahrungsstoffes genauer, und erst seit dieser Zeit weiß man dasselbe auf eine vorteilhaftere Weise zu benuzen.

Um zu zeigen, wieweit diese Kunst noch vor 100 bis 150 Jahren zurük war, mag es genügen, an folgende Ordonnanz zu erinnern, welche Ludwig XIV im Jahre 1658 erließ. Der 24ste Artikel des damaligen Reglements für die Bäker lautet nämlich:

„Allen Bäkern, sowohl Meistern als Auswärtigen, ist es unter einer Strafe von 60 Livres, die in gar keinem Falle gemildert werden kann und darf, verboten, irgend welche Kleien wiederholt zu mahlen, indem diese Substanzen nicht werth sind, in den menschlichen Leib zu gelangen. Den Meistern und Aufsehern ist besonders einzuschärfen, daß man genau darauf sehe, daß diesem Artikel nicht zuwider gehandelt werde.“

Dieses Verbot Kleien nochmal zu mahlen, verhinderte das Nachmahlen der sogenannten fetten Kleie, welche gerade den Gries, den nahrhaftesten und schäzenswerthesten Theil des Getreides enthält. Man war also, da man das Beuteln des Mehles noch nicht so gut verstand als später, gezwungen, diese Kleie als Viehfutter zu verwenden! Diese Verordnungen, welche im Jahre 1680, zur Zeit des höchsten Ruhmes Ludwigs des XIV, nochmal wiederholt wurden, haben die Fortschritte des Bäker- und Müllergewerbes beinahe hundert Jahre lang aufgehalten. Hieraus und aus vielen anderen ähnlichen Fällen läßt sich der gewiß wichtige Schluß ziehen, daß die Regierungen nur mit größter Vorsicht Vorschriften für die Künste und Gewerbe geben sollen, indem sie durch diese Vorschriften gewöhnlich nur die Fortschritte und die freie Entwikelung der Gewerbe zum unberechenbaren Nachtheile der Völker hemmen und erstiken.17)

17)

Wir glauben, daß sich die Eingriffe der Regierung, wenn ja ein Einschreiten von ihrer Seite nöthig ist, darauf beschränken sollen, die Beschaffenheit und Güte der in den Handel gebrachten Gegenstände zu ermitteln; und daß sich die Regierung durchaus hüten soll, irgend eine Fabrikation zu beschränken, deren Producte einen sicheren Absaz haben. – Der Käufer kann unmöglich erkennen, ob ein Zeug ächt oder falsch gefärbt ist, welchen Grad von Feinheit Gold- und Silberwaaren haben; ob die Gewichte und Maße die gesezlich vorgeschriebene