Text-Bild-Ansicht Band 50

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1. Physische Untersuchung des Getreides und der Kleie.

A. Wenn man das Getreidekorn mit einem Mikroskope genau untersucht, so wird man finden, daß es aus dreierlei verschiedenen Substanzen besteht, nämlich:

1) aus der Hülle oder aus der Rindensubstanz, welche man gewöhnlich Kleie nennt;

2) aus einer unmittelbar unter dieser Rinde befindlichen, gelblichen, durchsichtigen Substanz, welche sich bis gegen den Mittelpunkt des Kornes hin verlängert, beinahe die Hälfte des Umfanges des Kornes ausmacht, und Gries (gruau) genannt wird;

3) endlich aus dem Sazmehle, welches sich in der Mitte des Kornes befindet, und eine weiße Masse voll glänzender, krystallinischer Punkte bildet.

B. Wenn man die Rinde oder die Hülle des Kornes sorgfältig ablöst, so zeigt sich, daß dieselbe aus drei sehr dünnen Häutchen besteht, welche ein Gefäßgewebe oder ein Nez bilden, welches aus kleinen, neben einander befindlichen, und durch zahlreiche Anastomosen oder Verbindungen mit einander communicirenden Röhren besteht. Diese kleinen Gefäße sind mit vegetabilischem Safte und mit Substanzen erfüllt, die den im Inneren des Kornes enthaltenen ähnlich sind.

Zwischen der zweiten und dritten Haut befindet sich eine Schicht einer klebrigen, dem Gummi ähnlichen Substanz, welche das Korn rings um umgibt.

Da nun die Kleie aus einer großen Menge kleiner, mit den Nahrungssäften der Pflanze erfüllten Gefäßen besteht, so ergibt sich schon hieraus, daß dieselbe im Verhältnisse ihres Gehaltes an mehligen und gummigen Bestandtheilen nährend seyn muß. Andererseits kann aber die Kleie nur zum Theil nahrhaft seyn, weil die Substanz, welche das Gehäuse der Rinde und der kleinen Röhren bildet, nichts weiter als Holzfaser oder Stroh ist, welches sich wohl für pflanzenfressende Thiere, keineswegs aber für den Menschen als Nahrungsmittel eignet.

C. Um zu erfahren, in welchem Verhältnisse die Kleie in dem Weizen enthalten ist, verfuhr Poncelet 20) auf folgende Weise: Ich nahm 7 der schönsten Weizenkörner, die ich finden konnte, nagte ein Korn nach dem anderen ab, und fand, daß sie sämmtlich von gleichem Gewichte waren, d.h. daß jedes Korn einen Gran Markgewicht wog, so daß folglich alle 7 Körner zusammengenommen 7 Grane Markgewicht hatten. Ich nahm mir dann die Mühe von diesen

20)

Siehe dessen Histoire naturelle du froment. S. 179.