Text-Bild-Ansicht Band 75

Bild:
<< vorherige Seite

zierlichere Arbeiten entstehen; namentlich machte sich bald ein sichtbares Streben nach Abwechslung bemerkbar, und bald konnte man Schwarzwälder Uhren von allen Abstufungen in der Größe sehen, von der großen Thurmuhr bis zum kleinsten Hängührchen. Matthias Hummel verfertigte unter Anderem sogar eine Taschenuhr aus Buchsbaumholz, deren ganze Einrichtung bis auf die Zug- und Spiralfeder aufs Feinste in Holz gearbeitet war. Dieses Werk kam zwar wenigstens eben so hoch zu stehen als eine gewöhnliche Taschenuhr, und fand auch keine weitere Anwendung, allein der Versuch ist jedenfalls schon insofern interessant, als er das den Schwarzwälder charakterisirende mechanische Talent, den Scharfsinn dieses Naturmenschen und seine Beharrlichkeit in Ueberwindung von Schwierigkeiten auf eine sprechende Weise beurkundet. Um dieselbe Zeit verfertigte man bereits manche Uhren mit metallnen Rädern; auch sing man an, die Uhrenschilde mit plastischen Schnizarbeiten zu verzieren, worin namentlich Matthias Faller im Fallgrund, ein ungewöhnliches Künstlergenie, sich ausgezeichneten Ruf erwarb.

Ungefähr ums Jahr 1760 wagte Paulus Kreuz aus der Gemeinde Waldau die ersten Versuche, die Gloken zu den Schlaguhren, für welche jährlich eine bedeutende Summe außer Landes gewandert war, nachzugießen. Der glüklichste Erfolg krönte seine Bemühungen. Obgleich er nebenher auch noch Uhren verfertigte, so zog er doch aus dem Glokenhandel den meisten Gewinn. Nachdem er eine Gießhütte errichtet hatte, dehnte er später mit seinen beiden Söhnen dieß Geschäft so aus, daß er jährlich 50 bis 60 Cntr. Gloken, von denen 15 auf 2 Pfd. gehen, mithin ungefähr 40,000 Stük erzeugte. Bald darauf entstanden auch in Neustadt, Furtwangen und Neukirch Glokengießereien, und innerhalb weniger Jahre hatte sich dieser neue Seitenzweig der Uhrenindustrie auf dem Schwarzwalde so ausgebildet, daß von nun an die Nürnberger Glokenwaaren gänzlich verdrängt wurden.

Ums Jahr 1768 verfertigte Johann Wehrle in Simonswald die erste Spieluhr, wozu er Glasglökchen anwendete. Sein Sohn Christian vervollkommnete des Vaters Arbeit und wußte mit den Glökchen ein Saitenspiel geschikt zu verbinden. Matthias Hummel sezte dem Spielwerke tanzende Figuren bei.

Das Jahr 1770 bildet wiederum eine wichtige Epoche in der Entwikelungsgeschichte der Schwarzwälder Nationalindustrie. Salomon Scherzinger, ein berühmter Meister in Furtwangen, verfertigte um diese Zeit das erste musikalische Spielwerk mit Pfeifen, und legte durch diese Kunstarbeit den Grund zu einem neuen Erwerbszweige, welcher mit Eifer ergriffen und überall mit Beifall aufgenommen, dem industriellen Districte des Schwarzwaldes eine neue