Text-Bild-Ansicht Band 75

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In dumpfer Unwissenheit und Trägheit verlebte der Schwarzwälder vor 150 Jahren sein einförmiges Daseyn. Aber dieses Volk barg einen Bildungskeim in sich, welcher, unter dem Aufleben der Industrie Wurzel fassend, eine durchgreifende Reform seiner geistigen und materiellen Zustände herbeigeführt hat. Industrielle Betriebsamkeit wirkt mächtig auf das innere Volksleben. Sie gibt nicht allein den materiellen Interessen einen höheren Schwung, sondern rükwirkt sichtbar auf die geistige Bildung des Volkes, indem sie den schlummernden Funken der Intelligenz wekt, den Tausch der Gedanken fördert und den Geist in reger speculativer Thätigkeit erhält.

Der Schwarzwälder Uhrenmanufacturist besizt, wie schon bemerkt, einen unerschöpflichen Fleiß. Nur durch diesen ist er im Stande, bei den durch die Concurrenz unter sich und die Schlauheit des Handelspersonals herabgedrükten Productenpreisen seine Existenz zu sichern und sich auf dem Niveau eines bescheidenen Wohlstandes zu erhalten. Reichthum ist höchst selten bei einem Uhrmacher zu treffen, wogegen die Beispiele reicher Uhrenhändler häufig sind. Leider veranlaßte die größere Wahrscheinlichkeit, als Uhrenhändler reich zu werden und die mehrfachen günstigen Beispiele zu dem noch immer stark verbreiteten Vorurtheil, als sey der Uhrenhandel ein Geschäft, welches so von selbst, ohne vieles Zuthun, seine Früchte trage; ein unseliger Irrthum, welcher das Glük mancher Familie untergraben hat. Denn da es als ein Leichtes angesehen wurde, vermittelst des Uhrenhandels seine Existenz sicher zu stellen, so drängten sich viele leichtsinnige und talentlose Subjecte, oder solche, welche zur Ausübung eines Handwerks zu faul waren, zum Uhrenhandel; die verblendeten Uhrenmacher gaben ihnen auf Credit ihre Uhren mit auf die Reise, und nach wenigen Jahren kam ein Theil als Bettler zurük, von andern hörte man gar nichts mehr. Ohne speculativen Scharfsinn, Thätigkeit, Sparsamkeit und Ordnung in der Buchführung schwingt sich der Uhrenhändler eben so wenig auf einen grünen Zweig, als der Uhrenmacher, wenn er schlecht und nachlässig arbeitet, oder das, was er sich in der Woche verdient, am Sonntag verpraßt. Das Risico des Fabrikanten ist nicht groß; arbeitet er gut, so darf ihm wegen Abgang seiner Waare nicht bange seyn. Der Händler, welcher bedeutende Quantitäten Uhren zugleich aufkauft und sie baar bezahlt, was freilich nicht immer der Fall ist, darf mit Recht wegen des mit seinem Geschäfte verbundenen Risico's auf einen bedeutenderen Unternehmergewinn Anspruch machen, als der Uhrenmacher, dessen Geschäft, wenn er fleißig und gut arbeitet und mit dem Verkaufe seiner Waare vorsichtig ist, einen ruhigen und ungefährdeten Fortgang hat. Daher darf es nicht auffallend scheinen, wenn die Unternehmungen der Uhrenhändler öfter und schneller zum Reichthum führen, als die der Producenten.