Text-Bild-Ansicht Band 75

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Der Uhrmacher arbeitet mit seinen Gesellen regelmäßig von Morgens 5 Uhr bis Abends 9 Uhr; nach Umständen, wenn z.B. die Nachfrage stärker wird, auch bis 10 Uhr. Um 11 Uhr nimmt er mit seinen Gesellen das einfache gesunde Mittagmahl zu sich, welches in Kartoffeln, Milch und Spek besteht; zweimal in der Woche kommt Fleisch auf den Tisch. Die ganze Woche über kommt der Industrielle nicht aus dem Hause; den Sonntag dagegen widmet er dem Vergnügen und der Geselligkeit. Höchst selten überschreitet er hierin das Maaß; sein solides und nüchternes Wesen verläßt ihn auch jezt nicht, wo er nach einer streng durcharbeiteten Woche zwangloser sich gehen zu lassen berechtigt ist. Das Wirthshaus indessen ist für ihn nicht der Tummelplaz der Lust, es ist vielmehr seine Börse. Nirgends hat man wohl Gelegenheit, das Geschäftsleben, die Nationalität des industriellen Wälders besser zu beobachten, als in Furtwangen an einem Sonntage. Unmittelbar nach der Kirche ist das Wirthshaus von Uhrenmachern und Handelsleuten angefüllt. Man sezt sich nicht, sondern gehend oder in Gruppen vertheilt, und bei einem Gläschen Liqueur wird über gewerbliche Gegenstände discutirt, Handel aller Art werden geschlossen, Bestellungen gemacht, und in die Brieftaschen notirt. Hier erzählt, von einem Kreise aufmerksamer Zuhörer umgeben, ein aus dem Auslande Zurükgekehrter seine Schiksale, berichtet über den Gang der Geschäfte, theilt seine Beobachtungen über Sitten und Gebräuche fremder Völker mit; dort liest der Vater seinen Freunden und Verwandten einen Brief von seinem in Amerika befindlichen Sohne vor. Hinsichtlich der Kleidung des Uhrmachers, so wie überhaupt seiner ganzen Lebensart und seiner Manieren ist zu bemerken, daß alles Bäurische daraus verschwunden ist, und einem mehr bürgerlich städtischen Gepräge Plaz gemacht hat.

Dem fremden Besuchenden erscheint der Gewerbsmann anfänglich wohl etwas kalt, oft auch zurükhaltend und verlegen, selten aber mißtrauisch. Seine Zurükhaltung geht jedoch in offenes Vertrauen über, sobald er sich von dem Interesse des Fremden für sein Gewerbe überzeugt hat. Seine Maschinen, seine sinnreichen, einfachen Apparate, seine mannichfachen technischen Kunstgriffe zeigt und erklärt er alsdann mit der größten Bereitwilligkeit, ohne dem geringsten Mißtrauen Raum zu geben. Für ihn gibt es nur eine Classe, welcher er kein unbedingtes Vertrauen zu schenken scheint, die Uhrenhändler und Speditoren. Der Umstand, daß in seinem mechanischen Gewerbe doch nicht jenes abstumpfende, geisttödtende Einerlei liegt,