Text-Bild-Ansicht Band 68

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indem er mit vieler Geschiklichkeit jedes einzelne Nadelstük zwischen den Fingern hin- und herrollt. Dann hält er die roh zugespizten Schäfte gegen die zweite feiner behauene Scheibe, um der Spize den gehörigen Grad der Feinheit und Politur zu geben. Nun kehrt er die Schäfte um und wiederholt mit den anderen Enden den eben beschriebenen Proceß. Ein Schleifer spizte nach meiner Beobachtung in sechzehn Sekunden eine Handvoll Schäfte oder etwa 25 Stük zu beiden Seiten, d.h. er versah innerhalb sechzehn Sekunden 50 Steknadeln mit Spizen. Acht Sekunden verflossen, bis er mit einer neuen Handvoll bereit war. Demnach wäre ein solcher Zuspizer im Stande, in einem Tage, bei einer Arbeitszeit von 8 Stunden, 60,000 Steknadeln mit ihren Spizen zu versehen. Dieß stimmt auch wirklich mit den Angaben anderer überein.

Es wunderte mich, bei den Spizringen keine Anordnung angebracht zu sehen, um die Arbeiter vor dem so schädlichen Feilstaub zu schüzen. Daß es an Erfindungen, welche diesem Uebel vorbeugen sollen, nicht fehlt, war mir wohl bekannt; wahrscheinlich haben sie ihrem Zweke nicht entsprochen. Indessen ist zu bedauern, daß der menschliche Erfindungsgeist, welcher zu Gunsten des Kraftsparungssystems und der körperlichen Bequemlichkeit der Arbeiter sich sonst so außerordentlich thätig zeigt, bis jezt noch kein befriedigendes Mittel ersonnen hat, um jenes Gift abzuwehren, welches der am Spizringe Arbeitende mit jedem Athemzuge einschluken und damit sein Leben verkürzen muß. Die Zuspizer übergeben die doppelt zugespizten Nadeln einem anderen Arbeiter, dessen Geschäft darin besteht, durch Halbiren dieser Drahtstüke den eigentlichen Steknadelschaft, welchem nur noch der Kopf fehlt, zu bilden. Dieß geschieht wieder, wie oben, auf sehr schnelle Weise mit Hülfe des Schaftmodels.

Aus dem zweiten Arbeitssaale tönte uns ein klapperndes Getöse entgegen. Hier erhält die Steknadel ihren Kopf, dieses wesentliche Glied ihres einfachen Körpers. Wenn man eine Steknadel näher betrachtet, so bemerkt man, daß Schaft und Kopf nicht aus einem Stüke gearbeitet sind; auch wird ein feiner Riß, welcher rings um den Kopf in einer Schraubenlinie läuft, dem Auge nicht entgehen. Der Kopf muß daher vorher besonders zubereitet und dann erst an den Nadelschaft befestigt worden seyn; und so ist es auch. Die Zubereitung des ganzen Bedarfs an Steknadelköpfen wird von wenigen Knaben mit unglaublicher Geschwindigkeit bewerkstelligt. Sie bedienen sich hiezu einer einfachen, Fig. 19 dargestellten Vorrichtung, deren Haupttheile eine kleine Rolle a und ein größeres Rad A sind, um welche eine sich kreuzende Schnur geschlagen ist, so daß, wenn