Text-Bild-Ansicht Band 78

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Portraitiren mittelst des Daguerreotyps.

Bei meinen ersten Versuchen, lebende Personen zu portraitiren, habe ich das Gesicht derselben mit einem weißen Pulver bestäubt, in der Meinung, daß ich sonst kein Bild erhalten könnte; ich überzeugte mich aber bald von meinem Irrthum, indem sich selbst bei schwachem Tageslicht die Gesichtszüge scharf abbildeten.

Wenn sich die Sonne, die sizende Person und die Camera obscura in derselben senkrechten Ebene befinden und man eine doppelt convexe, nicht achromatische Linse von 4 Zoll Durchmesser und 14 Zoll Brennweite anwendet, kann man sich im Freien vollkommene Miniaturbilder, und zwar nach der Beschaffenheit des Lichts, in Zeit von 20–90 Secunden verschaffen. Der Anzug wird ebenfalls bewunderungswürdig wiedergegeben, selbst wenn er schwarz seyn sollte; die geringen Unterschiede der Beleuchtung sind hinreichend, ihn zu charakterisiren, so wie auch um jeden Knopf, jedes Knopfloch und jede Falte zu zeigen. Theils wegen der Stärke solchen Lichts, welches man nicht ohne Verzerrung der Gesichtszüge aushalten kann, hauptsächlich aber wegen des Umstandes, daß die Sonnenstrahlen unter einem zu großen Winkel auffallen, haben solche Bilder den Fehler, daß sie die Augen nicht deutlich zeigen, indem der Schatten von den Augenbraunen und der Stirne sich auf ihnen kreuzt.

Um gute Bilder zu erhalten, bringt man den Kopf der sizenden Person und die (Camera obscura in eine solche Stellung, daß die sie verbindende Linie mit den einfallenden Strahlen einen Winkel von weniger als 10 Grad macht, so daß aller Raum unter den Augenbraunen beleuchtet und ein schwacher Schatten von der Nase geworfen wird. Hiebei muß man natürlich Reflexionsspiegel anwenden, um den Strahl zu richten. Ein einziger Spiegel würde genügen und Zeit ersparen, es ist aber oft praktischer, zwei anzuwenden; den einen stellt man nämlich mittelst eines geeigneten Mechanismus so, daß er die Strahlen in senkrechten Linien reflectirt und den zweiten über ihn, um sie in einem unwandelbaren Laufe gegen die sizende Person zu richten. An einem heiteren Tage kann man mittelst einer empfindlichen Platte Portraite in Zeit von 5–7 Minuten im zerstreuten Tageslicht erhalten.

Da nun aber das Auge das reflectirte Sonnenlicht unmöglich lange ertragen kann, so ist es unumgänglich nöthig, die Lichtstrahlen durch ein blaues Medium zu leiten, welches ihnen ihre Wärme und den unerträglichen Glanz benimmt. Ich benuzte hiezu blaues Glas, bisweilen auch schwefelsaures Ammoniakkupfer, welches in einem weiten Behälter aus Tafelglas eine Schichte von beiläufig 1 Zoll Dike bildete und so verdünnt war, daß es dem Auge das Licht zu ertragen