Text-Bild-Ansicht Band 108

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ihre Verbrennung Aehnlichkeit hat. Die auffallendste Eigenthümlichkeit dieser Substanz aber, weßhalb sie auch so vielfache Anwendung gestattet, ist die Einwirkung kochenden Wassers darauf. Einige Minuten lang in Wasser von 52° R. getaucht, wird sie weich und bildbar, so daß ihr eine beliebige Gestalt gegeben werden kann, die sie beim Erkalten beibehält. Wird ein Streifen von ihr abgeschnitten und in kochendes Wasser gesteckt, so zieht sie sich der Länge und Breite nach zusammen – eine merkwürdige, von der Regel abweichende Erscheinung.

Ihre Bildbarkeit in kochendem Wasser macht sie zu so vielfachen Zwecken anwendbar und veranlaßte die Malayen, Peitschen daraus zu verfertigen, welche sie zur Stadt brachten, wodurch man diese Substanz kennen lernte. Hierauf verfertigten die Eingebornen aus ihr auch Eimer, Wasserbecken, Krüge; dann Schuhe, Stränge und andere Hausgeräthe. Einen vorzüglichen Werth hat sie aber für die Chirurgie; ihre Plasticität und die Beibehaltung der Gestalt nach dem Erkalten macht sie zur Verfertigung von Bougies geeignet; deßgleichen von Spritzenröhrchen. Ganz besonders eignet sie sich zur Behandlung von Knochen-Brüchen, zur Erleichterung des Patienten sowohl, als durch Verringerung der Mühe des Wundarztes. Wenn die Gutta auch gar keine andere Anwendung gefunden hätte als diese, wäre sie schon ein schätzbares Geschenk für die Menschheit. Sie legt sich an jede Vertiefung so gut an, daß sie dem Patient beinahe eher als ein neuer Knochen, denn als eine bloße Unterstützung desselben dient. Ein in mein Spital gebrachter Mann, welchem durch den Fußtritt eines Pferdes der untere Kinnbackenknochen in mehrere Stücke zerbrochen wurde, so daß Blut aus den Ohren floß, konnte zehn Tage darauf schon wieder essen und sprechen und befand sich mit seiner Gutta-Schiene so wohl, daß er nach zehn Tagen schon das Spital verließ. Zur Heilung von Beinbrüchen leistet sie ebenfalls vortreffliche Dienste und verdrängt sicherlich alle andere Arten von Schienen und Bandagen. Ich vermuthete, daß sich diese Substanz auch zu Kapseln behufs der Versendung des Pockengifts benutzen ließe, welches sich in denselben wegen ihrer hermetischen Verschließung sehr gut erhalten würde.

Wirklich erhielt ich unlängst Nachricht von Penang, daß solche Kapseln aus Gutta gut angekommen waren. Auch öffnete ich eine Kapsel, welche seit einem Monat eine Pockenkruste enthielt; ihr Inhalt hatte dem Erfolg seiner Anwendung gemäß seine volle Wirksamkeit behalten. Bisher war man in Singapore nicht im Stande das Pockengift auch nur einige Tage aufzubewahren, sondern mußte hier manchmal