Text-Bild-Ansicht Band 98

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Liebig dafür hält, daß diese Röhren ganz zweklos und die Erfindung eines müßigen Kopfes seyen.44)

Sollte die anempfohlene Gährung in offenen Gefäßen durch die Einwirkung des Sauerstoffs der Luft aber bewirken, daß der Wein schneller und vollständiger den Zukerstoff zersezt und die Eigenschaft eines alten Weins bekömmt, der auch keine Nachgährung mehr zeigt und die Weinsteinsäure gehörig ausgeschieden hat, dann wird er wohl mehr Alkohol enthalten; aber es entgeht ihm andererseits eine Eigenschaft, die man heutzutage sehr schäzt, und die den Werth des Weins mitbedingt, nämlich das Aroma, oder der würzige Theil, der durch den Geschmak in Verbindung des Geruchs wahrgenommen wird.

Zu diesem Factor tragen nun die im Moste enthaltenen fremden Substanzen: Extractivstoff, Gerbestoff, Schleim und Säure bei, die dem Wein das Eigenthümliche (die Gähre) geben, und denselben mehr oder minder für den Gaumen entsprechend machen; der unzersezte Zukerstoff ist aber die Grundlage dieser geschäzten Eigenschaften, ohne welche der Wein an seinem Werth sehr verliert.

Sehr schön sagt Hlubeck in seiner Beschreibung des steyermärkischen Weinbaues über die zu viel Alkohol enthaltenden Weine:

„In einer Zeit der Nüchternheit und Mäßigkeit, in einer Zeit wo das menschliche Geschlecht den Zustand der Glükseligkeit nicht mehr in dem Zustand der Bewußtlosigkeit, sondern in einer klaren und deutlichen Anschauung der Außenwelt, und in einer heitern reinen Gemüthsstimmung zu suchen beginnt, muß man aufhören die Güte der Getränke nach ihrer Berauschungsfähigkeit, d. i. nach einer Eigenschaft zu beurtheilen, durch welche allein der Zustand der Bewußtlosigkeit früher oder später herbeigeführt wird —“ welche Worte die Weinproducenten sowohl bei Bestokung der Weinberge, als auch bei der Behandlung des Weins recht sehr beherzigen mögen.

Die Frage, wie lange sich ein durch die offene Gährung so schnell herangebildeter Wein auf seinem Höhepunkt erhalten läßt, lasse ich unbeantwortet, doch muß ich beifügen, daß es Erfahrungssaz in der Weinbehandlung ist, je schneller ein Wein seinen Culminationspunkt erreicht, desto schneller schreitet er auch wieder zurüf;

44)

Hr. Hofkammerrath Köpp sagt in seinen Bemerkungen im nassauischen Wochenblatt:

„Daß die aufgesezten, mit Wasser gesperrten Blechröhren nachtheilig auf die Qualität des Weins wirken sollen, darüber habe ich langjährige praktische Gegenbeweise. Dabei hat diese Anwendung noch die große Annehmlichkeit, daß man wegen der Absonderung des Stikgases ohne Lebensgefahr in die mit gährendem Wein gefüllten Kellerräume gehen kann. Es verdienen also die Gährungsröhren nicht die Erfindung eines müßigen Kopfes genannt zu werden.“