Text-Bild-Ansicht Band 98

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die Kunst der Menschen langt nicht dahin, das Gesez der Natur zu ändern, nach welchem alles Frühreife auch schneller seinem Untergang zueilt.

Dieß sind nun die Beobachtungen, welche ein praktischer Weinbauer diesem neuproponirten Gährverfahren entgegenzusezen vermag, die ich jedoch nur deßwegen angegeben habe, damit man auch die Ursache kennen lerne, warum der Techniker die Sache nicht sogleich begreifen kann.45) Aber alle diese Erfahrungen und Gründe mögen noch nicht hinreichend seyn, ein Urtheil über eine so wichtige Sache zu begründen, denn niemals wäre so Außerordentliches in den Künsten und Gewerben geleistet worden, wenn die Wissenschaft nicht täglich neue Wege eröffnete, durch deren Betretung die Technik in der jezigen Zeit einen so hohen Standpunkt erhielt. Wenn wir stets am Alten kleben, nichts Neues versuchen und mit Vorurtheil dem bereits Bestehenden huldigen, so steht es auch um die Fortschritte in der Weinbereitung schlecht; wir können daher nur dringend wünschen, daß die Wissenschaft die Praktiker in ihrem Bestreben fortwährend unterstüzen möge, um stets Besseres zu leisten.

Hinsichtlich der in demselben Brief angeführten Einwirkung des Sauerstoffs durch die Poren der Fässer auf den Wein und auf die hiedurch veranlaßte Weinzehrung im Gegensaz zu dem Lagern des Weins auf Flaschen, so wie über den Einfluß der offenen Gährung auf die Bereitung moussirender Weine, behalte ich mir vor, bei späterer Gelegenheit meine durch die Praxis gewonnenen Erfahrungen, die ganz mit der Angabe Liebig's übereinstimmen, zu veröffentlichen.

Hier folgt das Resultat meiner nach Hrn. Prof. Liebig's Angabe gemachten Versuche über die Mostgährung in offenen Gefäßen.

Die Witterung des Jahrs 1844 war für den Weinstok in Franken von theilweise ungünstigem Einfluß.

Im Frühjahr wirkte sie als besonders günstig rasch auf die Entwiklung desselben, so daß am 27. Mai in der Umgebung Würzburgs bereits die ersten blühenden Trauben gefunden wurden, und die allgemeine Blüthenzeit in die Mitte Junius fiel.

Die Blüthe selbst ging günstig vorüber, und nimmt man an, daß sie in den Mitteljahren um Johanni — 24. Jun. — stattfindet, so war hier ein Vorsprung von 8 bis 10 Tagen, was Hoffnung auf einen günstigen Herbst in qualitativer und quantitativer Beziehung gab.

45)

Siehe Bemerkungen zu Liebig's Briefe vom Freihr. von Babo:

„Unsere weinbautreibenden Praktiker können die Sache nicht begreifen, so klar es auch ist, daß was beim Bier von so vorzüglichem und anerkanntem Erfolg ist, auch bei dem Wein zwekmäßig seyn muß.“