Text-Bild-Ansicht Band 88

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etwas verdächtige Reinheit der Tendenz außer Zweifel zu stehen scheint.

Meunier behauptet wesentlichst: die Leistungen von Severs wurden bisher über Gebühr erhoben und gerühmt – freilich nur von Leuten, welche sich auf die Glasmalereien unserer alten Kirchen schlecht verstehen. Man pries sie als einen wahren Fortschritt der Kunst, während sie in Folge eines Mißverständnisses über das unerläßlich harmonische Verhältniß der Glasmalerei zum Geiste der Architektur gerade das Gegentheil waren. Severs bildete sich nämlich ein, mit der Oehlmalerei in die Schranken treten zu müssen, und erweiterte, um seine Leistungen in diesem Sinne möglichst der Naturwahrheit zu nähern, die alte Farbenscala in einer Weise, daß die Verbleiung der Alten, welche der Markirung der Umrisse und der Transparenz der Gläser so sehr zu statten kam, nachgerade für überflüssig, ja für eine technische Barbarei gilt. Im Grunde – fährt er fort – beständen die sogenannten Vervollkommnungen der Glasmalerei von Seite der Anstalt zu Severs gerade nur in Anwendung dessen, was eben die alten Meister mit ihrem gesunden praktischen Tacte verschmähten. Man dürfe nicht glauben, daß eine solche Ausdehnung der Farbenscala und die ihr entsprechende Behandlungsweise unserer Kunst außer dem Bereiche der mittelalterlichen Möglichkeit gelegen; vielmehr sey sie in ihrer wirklichen, an einzelnen Werken nachweisbaren Vorhandenheit nur von der rechten Ansicht der Alten niedergehalten worden; daß Oehl- und Glasmalerei wie ihrem Wesen, so ihren Zweken nach himmelweit unterschieden bleiben müßten; daß leztere ihre Ansprüche über die eines architektonischen, zum Ganzen in geistigem Einklange stehenden Ornaments nicht erheben dürfe, und daß daher alle peinliche Vollendung, rein künstlerische Durchbildung, wie überhaupt jede ihren so eigenthümlichen Mitteln nicht vollkommen naturgemäße Disciplin verwerflich sey. Einer Verkünstelung der lezteren benöthige es um so weniger, als bei der Glasmalerei nicht sowohl der Inhalt ihrer Darstellung zu Geist und Herz des Beschauers sprechen, sondern vielmehr der Gesammteindruk ihrer eigenthümlichen Technik, die harmonische Pracht ihres Farbenspiels, die Verklärung des durchfallenden Lichts, kurz der weniger beschreib- als fühlbare Zauber ihres ganzen Wesens hauptsächlichst die Phantasie des Betrachtenden weken und beschäftigen solle u.s.w.

Dieß ist nun alles sehr wahr und so gut, als je von einem Deutschen gesagt, und es wäre Hrn. Meunier das Verdienst vollkommen zu gönnen, dem Severser Institut auf den rechten Weg geleuchtet zu haben. Er scheint aber an dessen Unverbesserlichkeit zu