Text-Bild-Ansicht Band 202

Bild:
<< vorherige Seite

Zusammensetzung, wie die Oxalsäure, welche an der Grenze der anorganischen Verbindungen steht, schien mit den Schlüssel zum Verständniß der Gährungserscheinungen überhaupt zu liefern. Folgerichtig betrachtete ich zunächst die Sache vom Standpunkt der Chemiker, wie er seit Lavoisier eingenommen wird, nämlich chemischen Proceß und Constitution durch Gleichungen und Formeln auszudrücken, welche Rechenschaft über die Verhältnisse des Wägbaren ablegen ohne Rücksichtnahme auf die Ursache der Bewegung und der Ruhe. Hiernach kennen wir zwei Hauptbestandtheile, welche den Inhalt und die Wandung der Pflanzenzelle ausmachen, und zwei Gruppen bilden, die Kohlenhydrate und die Eiweißstoffe. Die Bildung beider kann so gedacht werden, daß Oxalsäure im Verein mit Wasser eine Reduction erleidet, um Kohlenhydrat, und eine noch weiter gehende, um Eiweiß zu bilden, und daß der dabei frei werdende Sauerstoff die übrige in die Bildung nicht eingehende Oxalsäure zu Kohlensäure oxydire. Nach den Gleichungen C²O³ + HO = O + CO² + CHO und C²O³ + O = 2CO² würden auf die einfachste Formel des Kohlenhydrates CHO schon 3 Aequivalente Kohlensäure kommen und auf ein Aequivalent Zucker = C¹²H¹²O¹² also 36 Aeq. Kohlensäure. Die Waage zeigte jedoch, daß nicht im Entferntesten ein stöchiometrisches Verhältniß zwischen Kohlensäure und Pilzmasse bestehe, da das Gewichtsverhältniß der ersteren zur letzteren ein viel zu großes ist. Während die Kohlensäure (in kohlensauren Kalk verwandelt und alkalimetrisch bestimmt) mehr wie 2 Decigramme ausmachte, verschwand die Pilzmasse beinahe vollständig, da es zweifelhaft blieb, ob sie (auf einem bei 100° C. getrockneten Filter gewogen) 2 oder 3 Milligramme betrug. Es war auch außer Pilzmasse und Oxalsäure keine weitere organische Substanz aufzufinden. In dieser Absicht wurde die von der Pilzmasse abfiltrirte Flüssigkeit verdampft und der Rückstand auf dem Platinmesser erhitzt. Er zeigte eine so geringe Spur von Verkohlung, als sie das oxalsaure Ammoniak selbst zeigt. Mit Kalkmilch abgedampft, wurde nach wiederholtem Befeuchten und Wiedertrocknen ein völlig neutral reagirender Rückstand erhalten, welcher weder an Wasser noch an Alkohol etwas Lösliches abgab. Gährungsproducte und Ferment können also hier ebensowenig wie bei der Alkoholgährung einer stöchiometrischen Gleichung genügen. Aber es war nun auch klar, daß die Oxalsäure-Kohlensäuregährung unter Mitwirkung atmosphärischen Sauerstoffes stattfinde und in die Kategorie der Essigsäuregährung gehöre. Damit war jedoch für die Aufklärung des Zusammenhanges zwischen Hefepilzwachsthum und Jährendem Stoff nicht viel gewonnen. Doch gelang es mit bald darauf, mehrere Erscheinungen der verschiedenen Gährungsarten unter einem