Text-Bild-Ansicht Band 206

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Diese Thatsache sagt uns, daß die Abscheidung des Kohlenfusels aus dem Rohspiritus durch die Kohle nicht die That eines Augenblickes sey, wie etwa die Abscheidung des Baryts aus seinen Lösungen durch Schwefelsäure; daß sie nicht allein von der Porosität, von der Zerkleinerung und von dem Ausdämpfen der Kohle, nicht allein von der Spiritusverdünnung, sondern auch von der Berührungsdauer der Kohle mit dem Spiritus bedingt werde.

Läßt man den verdünnten Spiritus mit überschüssigem Kohlenpulver wochenlang in Berührung in der Erwartung, eine völlige Abscheidung, des Kohlenfusels zu erzielen, so kann man zunächst nach Verlauf von einer Woche schon keine Zunahme der Reinheit durch den Geschmack und Geruch mehr wahrnehmen, und destillirt man dann den Spiritus nach 2 oder 3 Wochen, so erhält man im Vorlaufe immer noch etwas Kohlenfusel. Eine völlige Entfernung des Kohlenfusels durch Holzkohle wird also auch bei noch so langer Berührungsdauer der Kohle mit dem Spiritus thatsächlich nicht erzielt. Aus welchen Gründen?

Die Kohle im Filter ist von dem nichtabsorbirten Spiritus umgeben. Dieser werde kurzweg das Medium genannt. Versucht man, sich die entfuselnde Thätigkeit eines porösen, von Rohspiritus umgebenen Kohlenpartikelchens vorzustellen, so erkennt man auf den ersten Blick, daß dieselbe nothwendig aus drei aufeinander folgenden Momenten bestehen müsse: 1) aus dem Momente der Aufsaugung von Spiritus aus dem Medium in die Poren, 2) aus dem Momente der Abscheidung des Fusels aus dem aufgesogenen Spiritus auf die Oberfläche der Kohlenporen, 3) aus dem Momente der Zurückgabe des entfuselten Spiritus an das Medium.

Die in Thätigkeit begriffene Kohle eines Filters absorbirt demnach unaufhörlich Rohspiritus; unaufhörlich entfuselt sie diesen; unaufhörlich scheidet sie den entfuselten Spiritus ab. Aber wohin scheidet sie den entfuselten Spiritus ab? An ihre Umgebung. Und woraus besteht diese Umgebung? Aus Rohspiritus. – Von dem Augenblicke an, wo die erste Abscheidung des Entfuselten stattfindet, wird also das Medium verändert. Dieses besteht jetzt nicht mehr ausschließlich aus Rohspiritus, sondern ist ein Gemisch aus Nicht-Entfuseltem und aus Entfuseltem geworden. In dem Maaße nun, als die Kohle ihre Thätigkeit fortsetzt, wird der Gehalt des Mediums an Nicht-Entfuseltem mehr und mehr verkleinert, an Entfuseltem dagegen mehr und mehr vergrößert, oder, es erfährt das Nicht-Entfuselte im Medium eine immer stärker werdende Verdünnung durch das Entfuselte, so daß der Gehalt an ersterem immer homöopathischer wird. Wie weitgehend, wie lange andauernd man sich aber auch diese