Text-Bild-Ansicht Band 211

Bild:
<< vorherige Seite

abwenden, wenn er bedächte, daß sein tägliches Trinkwasser selbst 10 Proc. mehr oder weniger zersetzten Harn aufgenommen hat, ja daß es vielleicht nichts weiter ist, als filtrirtes Canalwasser, daß die Luft in seiner Wohnung mit Fäulnißproducten der bedenklichsten Art geschwängert ist.

Die Anlage einer Wasserleitung ist für Hannover, wie es jetzt wohl allgemein anerkannt wird, ein dringendes Bedürfniß; ebenso nothwendig ist aber auch, daß der Boden – wie es in Danzig und Frankfurt mit so überraschendem Erfolge ausgeführt ist – gleichzeitig durch tiefliegende Canäle entwässert und vor weiterer Verunreinigung geschützt wird. Selbstverständlich sind die Schwind- und Abtrittsgruben zu verbieten, den Einwohnern ist nur die Wahl zwischen Kübel und Watercloset zu lassen; die Entscheidung wird dann nicht schwer fallen. – Die Meckeln-Haide würde ohne Frage ein vorzügliches Berieselungsfeld geben.

Es wird gewiß entgegnet, daß die Kosten für eine derartige gleichzeitige Anlage unerschwinglich seyen. Dem ist nicht so.

In Cardiff ist durch Einführung der Wasserversorgung und Canalisation die Sterblichkeit von 33,2 auf 22,6, in Newport von 31,8 auf 21,6 pro mille heruntergegangen. – Pettenkofer berechnet, daß, wenn für München durch Canalisation und Wasserversorgung auch nur eine Verminderung der Sterblichkeit von 3 pro mille erreicht würde, in dieser Stadt jährlich 510 Menschen weniger sterben. Nach langjährigen Erfahrungen in den Krankenhäusern muß man auf jeden Todesfall wenigstens 34 Krankheitsfälle von je 20tägiger Dauer rechnen. Es darf angenommen werden, daß sich mit den Todesfällen auch in gleichem Maaße die Krankheitsfälle verringern, daß also dem Minus von 510 Todesfällen im Jahre ein Minus von 17340 Krankheitsfällen oder 346800 Verpflegungstagen entspricht. Wird ein Verpflegungstag mit allen seinen Verlusten im Durchschnitt nur zu einem Gulden gerechnet, so würde die Stadt jährlich 346,800 Gulden, oder mit 5 Proc. capitalisirt, 6,936,000 Gulden ersparen. Also etwa 13 Millionen Mark dürfte die Canalisirung und Wasserversorgung von München mit 170000 Einwohnern kosten und das darauf verwendete Capital würde sich noch immer gut verzinsen.113)

Bei dieser Berechnung sind noch nicht berücksichtigt die Beerdigungskosten, die Wittwen- und Waisenversorgung, der Verlust an Arbeitskraft, das namenlose Elend, welches so mancher Familie erspart werden könnte!

113)

Pettenkofer, Werth der Gesundheit für eine Stadt (Braunschweig, Vieweg). 1,2 Mark.