Text-Bild-Ansicht Band 213

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thatsächlich zu begründen. Das weitere Problem, den bisher von der Natur durch Pflanzenthätigkeit bereiteten Farbstoff künstlich auf chemischem Wege aus dem Anthracen zu erzeugen, fand bald darauf durch Gräbe und Liebermann (dies Journal, 1870 Bd. CXCVI S. 359 und 585; Bd. CXCVII S. 285) seine Lösung. Da man hoffen durfte, die zunächst zu rein wissenschaftlichen Zwecken im chemischen Laboratorium zur Anwendung gebrachten Methoden würden sich in den Großbetrieb der chemischen Technik übertragen lassen, hielt man es für geeignet, die Methode zur künstlichen Darstellung von Alizarin aus Anthracen durch ein Patent zu sichern (18. November 1868). Zwei wesentliche Schwierigkeiten, die sich der Einführung in die Praxis zu widersetzen schienen, wurden bald gehoben. Das Anthracen war bislang nur selten und stets in kleiner Menge dargestellt worden, es war in den wenigsten chemischen Sammlungen vertreten und ist nur in sehr geringer Menge, zu etwa 1/2 Proc. in rohem Steinkohlentheer enthalten. Sobald es ein Gegenstand der Nachfrage geworden war, fand die Technik geeignete Methoden zu seiner Darstellung, und die Berechnung ergab, daß in den jährlich producirten etwa 5 Millionen Centner Steinkohlentheer ein mehr als genügender Vorrath an Anthracen enthalten ist. Andererseits hatten die ersten Vorschriften zur Darstellung des künstlichen Alizarins Brom in Anwendung gebracht, einen Körper von beschränktem Vorkommen und hohem Preise; da zeigten die Fabrikanten Meister, Lucius und Brüning in Höchst (dies Journal, 1873 Bd. (NIX S. 238 und 1874 Bd. CCXII S. 444) durch eine am 15. Mai 1869 gerichtlich deponirte Methode, daß das theure Brom, mit Vortheil sogar für der technischen Betrieb, durch die billige Schwefelsäure ersetzt werden kann. Dadurch wurde, für Deutschland wenigstens, die Fabrikation des künstlichen Alizarins vom Zwange des Patentes befreit, während sie in Frankreich und England durch Patente geschützt ist. Außer den Patentinhabern, der badischen Anilin- und Sodafabrik in Ludwigshafen und der schon genannten Höchster Firma, beschäftigten sich bald auch Gebrüder Gessert (dies Journal, 1871 Bd. CC S. 421) in Elberfeld (jetzt Aktiengesellschaft für chemische Industrie) und F. Bayer und Comp. in Barmen mit der Fabrikation von künstlichem Alizarin, und es schlossen sich rasch weitere Fabrikanten an. Der technische Betrieb hatte im Jahre 1870 begonnen. Im Jahre 1873 sind etwa 900000 Kilogrm. einer 10procentigen Alizarinpaste producirt worden (von der Höchster Firma allein 520000 Kilogrm.) im Werthe von 3 Millionen Thaler. In letzter Zeit haben sich alle Fabriken vergrößert, das Etablissement in Ludwigshafen in besonders hervorragender Weise; weitere Fabriken sind neu entstanden. Im Augenblicke beträgt die monatliche Gesammtproduction etwa 200000 Kilogrm. im Werthe von 600000 Thaler; schon jetzt wird also 1/3 des Krapps durch künstliches Alizarin ersetzt. Für das Jahr 1874 dürfte der Werth des künstlich producirten Alizarins die Summe von 6 bis 7 Millionen jedenfalls erreichen; im folgenden Jahre wird sie voraussichtlich auf 10 bis 12 Mill. steigen, und man nimmt an, daß spätestens im Jahre 1876 das künstlich fabricirte Alizarin für die Bedürfnisse der Färberei und Druckerei ausreichen. Dann wird also alles Alizarin, welches vor wenigen Jahren noch der Krapppflanze entnommen wurde, künstlich aus Steinkohlentheer dargestellt werden, und alles Areal, welches jetzt durch Cultur von Krapp in Anspruch genommen wird, ist für andere landwirthschaftliche Zwecke verwendbar. (Musterzeitung, 1874 S. 190.)

Deacon's Bleichflüssigkeit.

Anstatt Aetzkalk und Wasser zur Absorption des Chlores zu benützen, wird (in der engl. Patent-Specification Nr. 3309 vom 7. November 1872) kohlensaurer Kalk und Wasser für diesen Zweck vorgeschlagen, und zwar wird entweder fein vertheiltes Carbonat, wie solches in der Causticirung von Soda und Potasche erhalten wird, genommen, oder es werden Klumpen von Kalkstein in Thürmen aufgeschichtet, fortwährend mit Wasser benetzt und so einem Chlorstrome ausgesetzt. (Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft, 1874 S. 1030.)