Text-Bild-Ansicht Band 214

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von dem einen oder anderen mehr als gleiche Molecüle, so hat das Natrium-Phenol nicht nur ein verschiedenes Ansehen (bei Anwendung von überschüssigem Phenol wird es dunkelbraun), sondern liefert auch viel weniger Salicylsäure. Das so bereitete trockene Natrium-Phenol wird, wenn es sich um Darstellung größerer Mengen handelt, am besten in einer metallenen Retorte mittels Oel-, Metall- oder Luftbad langsam erhitzt. Man beginnt mit dem Einleiten der trockenen Kohlensäure in nicht zu raschem Gasstrom, wenn die Temperatur im Inneren des Retorteninhaltes ungefähr 100° erreicht hat. Man läßt die Temperatur langsam höher gehen, bis sie im Verlauf mehrerer Stunden gegen 180° erreicht hat. Erst nach längerem Einleiten der Kohlensäure fängt Phenol an abzudestilliren, später in reichlicher Menge. Zuletzt steigert man die Temperatur auf 220°–250°. Die Operation ist beendet, wenn bei dieser Temperatur unter fortwährendem Einleiten von Kohlensäure kein Phenol übergeht.

Sehr interessant, und ganz anders, als ich erwartete, ist der Verlauf dieses Processes der Salicylsäurebildung. Ich hatte anfänglich vermuthet, es würde ein Molecül Kohlensäure sich in ein Molecül Natrium-Phenol einschieben, und es würde aus diesen beiden Molecülen geradeauf ein Molecül salicylsaures Natron entstehen, im Sinne folgender Gleichung:

Textabbildung Bd. 214, S. 135

Allein der Proceß verläuft anders, worauf schon die Wahrnehmung hinweist, welche ich mir anfangs nicht erklären konnte, daß bei der Einwirkung von Kohlensäure auf hinreichend stark erhitztes Natrium-Phenol eine reichliche Menge eines schnell krystallisirenden Phenols, und, wovon ich mich später überzeugte, genau die Hälfte des zur Bereitung von Natrium-Phenol verbrauchten Phenols abdestillirt. Der nach beendeter Reaction – d.h. wenn von dem unter fortwährendem Einleiten von Kohlensäure schließlich auf 250° erhitzten Retorteninhalt kein Phenol mehr abdestillirt – bleibende Rückstand ist bei gut geleiteter Operation von graulich weißer Farbe; er besteht aus natriumsalicylsaurem Natron, dem sogen. basisch salicylsaurem Natron.

Jener Proceß verläuft im Sinne folgender Gleichung:

Textabbildung Bd. 214, S. 135

In zwei Molecülen Natrium-Phenol findet also unter Einwirkung der Kohlensäure ein Austausch von Wasserstoff und Natrium in der