Text-Bild-Ansicht Band 214

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Bekanntlich bestehen die festen und flüssigen menschlichen Auswurfstoffe im Wesentlichen aus in Zersetzung begriffenen Bestandtheilen unseres Körpers, erstere mit fäulnißfähigen Speiseresten vermischt. Nun haben aber die neueren Beobachtungen ergeben, daß gerade diese Auswurfstoffe die Träger der Infection bei Ruhr, Typhus4) und Cholera sind. Professor v. Gietl 5) schließt aus seinen langjährigen Beobachtungen, daß der Leib und die Leiche der Cholerakranken, wenn rein gehalten, nicht anstecken, daß dagegen die diarrhöischen Stühle die Erzeuger und Träger des Ansteckungsgiftes sind.6) Qualitativ sind die menschlichen Auswurfstoffe also gefährlicher, oder doch mindestens ebenso bedenklich als die Leichen selbst.

Bei einer mittleren Sterblichkeit von 24 auf 1000 und einem Durchschnittsgewicht der Leichen von 40 Kilogrm. mit 32,5 Proc. organischen Stoffen7) liefern 1000 Menschen also jährlich 312 Kilogrm. organische Substanz in ihren Leichen. An Auswurfstoffen geben dieselben nach Wolf und Lehmann jährlich 33170 Kilogrm. Fäces8) darin 7200 Kilogrm. organische Stoffe, 428300 Kilogrm. Urin und darin 15000 Kilogrm., zusammen also 22200 Kilogrm. fäulnißfähige Substanz. Der Mensch liefert also in seiner Leiche nur 1,4 Proc. derjenigen organischen Stoffe, welche er bei Lebzeiten ausscheidet, ja bei Berücksichtigung der sonstigen Abfälle kaum 0,5 Proc.; Fleck 9) berechnet für Dresden sogar nur 0,3 Proc.

Die fäulnißfähigen Stoffe der menschlichen Leichen sind also qualitativ und quantitativ fast verschwindend gegen die Massen, welche der Mensch bei Lebzeiten der Luft, dem Boden und dem Wasser überliefert.

Dieses wird bestätigt durch die Untersuchung der Grundwässer. So hat Pettenkofer 10) für München, Weltzien 11) für Karlsruhe, Reich 12) für Berlin, Fleck 13) für Dresden, und Bach 14) für Leipzig gezeigt, daß die Brunnenwässer der Kirchhöfe weniger Fäulnißproducte

4)

Vergl. Zeitschrift für Epidemiologie, 1874 S. 1, 31, 71, 99, 132 und 400.

5)

F. v. Gietl: Gedrängte Uebersicht meiner Beobachtungen über die Cholera vom Jahre 1831 bis 1873 (München 1873).

6)

Vergl. auch Küchenmeister: Verbreitung der Cholera, S. 65 und 92; Zeitschrift für Epidemiologie, 1874 S. 346.

7)

S. 384 des vorhergehenden Heftes.

8)

Dingler's polytechn. Journal, 1873 Bd. CCX S. 144.

9)

Dritter Jahresbericht der chemischen Centralstelle (Dresden 1874) S. 34.

10)

Zeitschrift für Biologie, Bd. I S 45.

11)

Weltzien: Die Brunnenwässer der Stadt Karlsruhe (Karlsruhe 1866).

12)

Reich: die Salpetersäure im Brunnenwasser und ihr Verhältniß zur Cholera (Berlin 1868).

13)

Dritter Jahresbericht S. 25.

14)

Journal für praktische Chemie, 1874 Bd. IX S. 374.