Text-Bild-Ansicht Band 215

Bild:
<< vorherige Seite

1)

Ueber den Arbeitsbegriff: Gießerei.

Einleitung.

Gießerei ist derjenige Arbeitsbegriff, welcher auf der Eigenschaft gewisser Körper beruht, aus ihrem tropfbar flüssigen Aggregatzustande oder von ihrer feinen Vertheilung (Suspendirung oder Lösung) in einer tropfbaren Flüssigkeit in den festen Aggregatzustand übergeführt werden zu können und dabei eine vorher beabsichtigte oder sogar genau bestimmte Gestalt und Größe anzunehmen. Nach dieser Definition zerfällt die Gießerei in zwei Arten: A) Gießerei von schmelzbaren Rohstoffen; B) Gießen von in Flüssigkeiten suspendirbaren oder löslichen Rohstoffen.

Jedesmal ist das Erstarren einer Flüssigkeit unter gewissen die Gestalt des erstarrten Körpers bedingenden Modalitäten das charakteristische des Verfahrens, „Gießen“ genannt.

Die Umwandlung des flüssigen Körpers in einen starren geschieht durch Aenderung des Aggregatzustandes oder aber durch Beseitigung des flüssigen Mengungs- oder Lösungsmittels. Die Eigenschaft des Rohstoffes, auf welcher das Verfahren „Gießen“ beruht, kann also eine zweifache sein und begründet dadurch solche Verschiedenheiten in den Hilfsmitteln des Verfahrens, daß sich zwei Hauptarten der Gießerei unterscheiden lassen. Diese zwei Arten sind gesondert zu behandeln, weil dann bei der wesentlichen Verschiedenheit der Rohstoff-Eigenschaften und den aus ihnen entspringenden Verschiedenheiten bei den Hilfsmitteln leichter die Gesetze, welche diesen Arbeitsbegriff beherrschen, erkennbar werden.

A. Gießen von schmelzbaren Rohstoffen.

I. Die Arbeits-Eigenschaften des Rohstoffes.

1. Schmelzbarkeit. Die Erhöhung oder Ermäßigung der Temperatur eines Körpers wird durch eine Zufuhr oder Entnahme von Wärme, d. i. einer Anzahl von Wärmeeinheiten2), bewerkstelligt. Die specifische Wärme ist jene Zahl von Wärmeeinheiten, die zur Erhöhung oder Ermäßigung der Temperatur um 1° C. von einem Kilogramm

1)

Nachträglich wurde Verfasser auch aufmerksam gemacht, daß Professor Friedr. Kick in Prag bereits im November 1873 – also früher als Verf. in dieser Sache öffentlich aufgetreten ist – in der 4. Hauptversammlung des deutschen polytechn. Vereins in Prag einen Vortrag: „Ueber neuere Bestrebungen auf dem Gebiete der Mechanik und Technologie“ gehalten und als Hauptaufgabe des Technologen bezeichnet hat, eine Mechanik der Formveränderungen zu schaffen und auf dieser die Technologie aufzubauen (vergl. Technische Blätter, 1873 S. 111) – für den Verfasser eine angenehme Bestätigung seines Ausspruches (a. a. O. S. 412), daß für die Mehrzahl seiner Collegen die dem neuen Systeme zu Grunde liegende Idee nicht neu sei.

Die im Ingenieur-Vereine hervorgerufene Discussion veranlaßte nun den Verfasser in der Section der Maschinen-Ingenieure (am 23. December v. J.) einen zweiten Vortrag zu halten, um durch Beispiele – zunächst durch Darstellung des Gießerei-Begriffes – darzulegen, wie schon gegenwärtig eine Anordnung des dermaligen Lehrstoffes nach dem System der vergleichenden Technologie nicht nur möglich sondern auch ersprießlich sei, indem die neue Methode die noch zu lösenden Aufgaben präcisire und deren Inangriffnahme anbahne.

2)

Wärmeeinheit ist jene Wärmemenge, welche 1 Kilogrm. reines Wasser bei Atmosphärendruck von 0° auf 1° C. erwärmt.