Text-Bild-Ansicht Band 123

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wird der photogenische Raum allmählich verkürzt, entsprechend der Abnahme der Brechbarkeit, so daß die violetten Strahlen vor den indigoblauen und letztere vor den blauen absorbirt werden. Keine dieser Strahlen werden aber sämmtlich auf einmal absorbirt, sondern sie erlöschen in dem Maaße als das absorbirende Medium dicker wird. Die photogenischen Strahlen sind demselben Gesetze unterworfen; der brechbarste Theil verschwindet zuerst. Während dieses Absorptionsprocesses nähert sich die mittlere Brechbarkeit des so reducirten photogenischen Raums mehr und mehr der mittleren Brechbarkeit der Gesichtsstrahlen, so daß der Achromatismus des ganzen Spectrums desto vollkommener wird, je mehr sich dessen Länge vermindert. Dieser Effect ist nicht besonders auffallend, wenn es sich bloß um die Gesichtsstrahlen handelt; aber wenn drei Viertel des langen photogenischen Raums absorbirt worden sind, müssen die Bedingungen des Achromatismus offenbar beträchtlich modificirt seyn.

Die außerordentliche Länge des photogenischen Spectrums und seine verschiedenen Brechbarkeitsgrade, welche den Achromatismus des Ganzen sehr schwierig machen, erweisen sich durch anomale Effecte, welche bei der Erzeugung des photogenischen Bildes eintreten. Alle Photographen müssen bemerkt haben, daß wenn die Exposition in der Kammer zu lange gedauert hat und die ganze Oeffnung der Linse angewendet worden ist, das erzeugte Bild sehr selten ein scharfes ist. Der Grund davon ist, daß die äußersten photogenischen Strahlen, welche die schwächsten sind, in Wirkung kamen, und durch ihre Zerstreuung ein verwirrtes Bild erzeugten; bei kürzerer Exposition wären diese äußersten Strahlen unwirksam geblieben und das Bild würde schärfer ausgefallen seyn.

Wenn aber die gelben Strahlen vorherrschen, weil das Medium einen Theil der brechbarsten Strahlen absorbirt, dann wird der centrale Theil der Linse, in welchem die gelben Strahlen mehr mit den photogenischen Strahlen verdichtet sind, weniger Kraft haben, wegen der neutralisirenden Wirkung des Ueberschusses gelber Strahlen. In diesem Falle wirkt das Centrum weniger oder gar nicht, und die Brennpunkte sind um so weniger von einander entfernt, weil das Gesichtsbild, wie vorher, durch die weniger gebrochenen Strahlen von der ganzen Oeffnung gebildet wird, und das photogenische Bild durch einen kleineren Theil der brechbarsten Strahlen, welche durch dieselbe Ueber-Correction weniger gebrochen worden waren als die Gesichtsstrahlen, entsteht, und folglich wird die Convergenz des Ganzen mehr parallel seyn. Alle absorbirenden Ursachen verkürzen die Länge des Spectrums oder reduciren die Zerstreuung der Strahlen.