Text-Bild-Ansicht Band 123

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Oeffnung der Objectivgläser die schiefen Strahlen abgeschnitten, und in Folge hiervon Gegenstände welche in verschiedenen Ebenen liegen, eben so deutlich abgebildet werden als wenn sie in der Ebene wären welche den mathematischen Focus gibt. Wenn wir eine Karte mit einer Nadel durchstechen, so können durch diese Oeffnung sowohl kurz- als weitsichtige Personen deutlich in einem Buche lesen, das in gleicher Entfernung von ihren Augen angebracht ist; sie können das Buch auch rück- und vorwärts von ihrem Gesichtspunkte bewegen, ohne die correcte Form der Typen zu verlieren; ein solches Diaphragma ändert den Brennpunkt nicht, welchen ihnen die Natur gegeben hat; sondern es streckt ihn dadurch, daß es nur parallele Strahlen auf die Netzhaut gelangen läßt.

So verhält es sich mit Objectivgläsern, deren chromatische Aberration bei Anwendung von Diaphragmen mit sehr kleiner Oeffnung zerstört oder vielmehr unmerklich gemacht wird. Aus diesem Grunde kann eine gewöhnliche Camera obscura mit gleicher Schärfe Gegenstände darstellen, die sowohl in nahen als in entfernten Ebenen liegen. Ein auffallendes Beispiel davon sind die schönen Ansichten, welche Hr. Lerebours am Pont neuf in Paris mit allen Arten von Objectivgläsern auf Platten oder Papier aufnahm; man sieht auf denselben die Statue Heinrichs IV., welche bloß 20 oder 30 Schritte von seinem Hause entfernt ist, eben so klar und deutlich abgebildet als den langen Palast der Tuillerien, alle auf einander folgenden Brücken der Seine, und alle Gebäude welche in beträchtlicher Länge die zwei entgegengesetzten Quais bedecken.

Wenn alle Gesichtsbrennpunkte für so beträchtliche Entfernungen zusammenfallen können, so darf man sich nicht wundern, daß die photogenischen Brennpunkte selbst mit den Brennpunkten der Gesichtsstrahlen zusammenfallen. Wenn daher alle photographischen Operationen mit Objectivgläsern ausgeführt werden könnten, welche genügend reducirte Oeffnungen haben, so wäre das Problem der zwei Brennpunkte gelöst, und wir hätten uns um die Frage hinsichtlich ihrer Coincidenz oder Trennung nicht zu bekümmern. Aber der Fall ist sehr verschieden, wenn wir Porträts aufzunehmen haben; diese Operation erfordert die größte Raschheit, und da die Kraft der Objectivgläser im Verhältniß ihrer Oberfläche ist, so müssen die Optiker Krümmungen annehmen, welche die größtmöglichen Oeffnungen zulassen; dann zeigen sich die Differenzen zwischen den zwei Brennpunkten und ihren constanten Variationen im höchsten Grade.