Text-Bild-Ansicht Band 221

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interessant, nach denen ein bei 100° getrocknetes Kalkhydrat fast gar kein Chlor aufnimmt, während das über Schwefelsäure getrocknete Hydrat diese Fähigkeit in hohem Maße besitzt. Die neuesten Untersuchungen, welche diese Frage betreffen, sind von Tschigianjanz, Fricke und Reimer (1869 192 297) veröffentlicht worden. Nach denselben wurde bei vielen Versuchen das bei 100° getrocknete Kalkhydrat von Chlor durchaus nicht angegriffen, während unter denselben Umständen bei andern Versuchen ein 32,5 und 37,8 procentiger Chlorkalk erhalten wurde.

Ingleichem wurde das Chlor von einem Kalkhydrat, welches über Schwefelsäure getrocknet war, aufgenommen, während dasselbe Hydrat bei 100° getrocknet, nur unbedeutende Menge Chlor absorbirte. Tschigianjanz etc. sind also zu denselben widersprechenden Resultaten gelangt, wie Bolley und Graham und erklären diese auffallende Erscheinung theilweise durch einen kleinen Wassergehalt des Kalkhydrates, der zur Einleitung der Chlorkalkbildung nöthig sei, theilweise durch eine niedrige Temperatur, welche der Bildung des Chlorkalkes hindernd in den Weg trete. Nach denselben wird absolut trockenes Kalkhydrat bei 0° nicht wesentlich verändert, Kalkhydrat mit Spuren von Feuchtigkeit aber bei dieser Temperatur in Chlorkalk verwandelt. Ein Gehalt von 0,4 Proc. Wasser und darüber bedingt bei jeder Temperatur die Bildung des Chlorkalkes; ein bei 100 bis 130° getrocknetes Hydrat wird jedoch bei 0° nur dann in Chlorkalk verwandelt, wenn es sich erwärmen kann; es wird jedoch von Chlor nicht angegriffen, wenn es auf die gewöhnliche Temperatur oder auf 0° abgekühlt wird.

Die von mir in derselben Richtung angestellten Versuche bestätigen im Allgemeinen die Beobachtungen von Tschigianjanz etc. Nicht allein liefert ein absolut trocknes Kalkhydrat Chlorkalk, sondern ein noch Aetzkalk haltendes Hydrat nimmt im Verhältniß des Hydratgehaltes, Chlor auf und bildet Chlorkalk, wie dies Kopfer 1) ebenfalls gefunden hat.

Das bei meinen Operationen benützte Chlor wurde durch Waschen mit Kupfervitriollösung und durch calcinirten Kupfervitriol von der Salzsäure, hierauf durch concentrirte Schwefelsäure und Chlorcalcium vom Wasser befreit, ehe es dem Kalkhydrat dargeboten wurde.

Während nun ein Kalkhydrat mit der größten Leichtigkeit Chlor aufnahm, ging bei einem auf dieselbe Weise dargestellten Hydrat die Absorption nur sehr langsam von Statten und hörte endlich ganz auf, bevor die Sättigung mit Chlor eingetreten war. Auch bei gewöhnlicher Temperatur, wenn eine künstliche Kühlung unterlassen wurde trat die Absorptionsfähigkeit dieses Hydrates nicht merklicher hervor; es besaß

1)

Liebig's Annalen der Chemie, Bd. 177 S. 314.