Text-Bild-Ansicht Band 221

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zusammen kommt. In diesem Falle bildet sich auf ein Molecül unterchlorigsauren Kalk ein Molecül Chlorcalcium und zwar ganz in derselben Weise, wie dieses nach Gay-Lussac bei der Einwirkung des Chlors auf ein Alkali stattfindet. Zu meiner eigenen Instruction habe ich diese Versuche wiederholt und zu reinem, in Wasser suspendirtem Kalkhydrat so lange frisch bereitetes Chlorwasser gesetzt, bis eben die alkalische Reaction verschwand und sämmtliches Kalkhydrat gelöst war. In gleichen Volumen der so erhaltenen Flüssigkeit wurde einerseits das wirksame Chlor, anderseits der Kalk bestimmt.

100 Vol. derselben gaben 0g,274 wirksames Chlor und 0g,216 Calciumoxyd.

Nach der Formel 2CaH₂O₂ + 4Cl = CaCl₂O₂ + CaCl₂ + 2H₂O verlangen 0g,274 Chlor = 0g,2161 Aetzkalk, was also mit den gefundenen Zahlen ganz genau übereinstimmt.

Dieser Versuch bestätigt also wiederum die altgewohnte Gay-Lussac'sche Ansicht, daß in einer so bereiteten wässerigen Lösung von Chlorkalk unterchlorigsaurer Kalk enthalten sei, und ließ mich umsomehr von fernern Experimenten zur weitern Beweisführung von dem Vorhandensein dieser Verbindung absehen, als Schorlemmer 2) und ebenso Kopfer 3) das Vorhandensein dieser Verbindung auf das unzweideutigste nachgewiesen haben. Letzterer hat durch seine Versuche gezeigt, daß sowohl aus einer wässerigen Chlorkalklösung als auch aus dem trocknen Chlorkalk durch eine verdünnte Mineralsäure unterchlorige Säure in Freiheit gesetzt wird, die durch Destillation in nahezu chemisch reiner Form gewonnen werden kann, und deren Menge im günstigsten Falle 92 Proc. von der in dem Chlorkalke enthaltenen unterchlorigen Säure beträgt. Gleich interessant und bedeutungsvoll für die Existenz der unterchlorigen Säure in einer wässerigen Lösung des Chlorkalkes ist die von Kopfer mitgetheilte Beobachtung von Kingzett, nach welcher eine kalt gesättigte Chlorkalklösung durch Abkühlen unter 0° oder beim Verdunsten über concentrirter Schwefelsäure im Vacuum farblose nadelförmige Krystalle von unterchlorigsaurem Kalk abscheidet.

Nach J. Kolb (1668 187 55) wird der feuchte Chlorkalk auch durch Kohlensäure zersetzt unter Entwicklung von unterchloriger Säure. Diese Beobachtung, die von andern Seiten angegriffen und als nicht zutreffend bezeichnet wird, hat durch die Praxis ihre volle Bestätigung gefunden, indem bei der Darstellung des Chlorkalkes nach dem Deacon'schen Verfahren häufig diese Zersetzung im großartigsten Maßstabe unter Entwicklung von massenhaften Mengen von unterchloriger Säure stattgefunden hat.

2)

Berichte der deutschen chemischen Gesellschaft, 1873 S. 1509.

3)

Liebig's Annalen der Chemie, Bd. 177 S. 314.