Text-Bild-Ansicht Band 187

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100 Gramme Kalk kommen in eine geräumige, etwa 8 zöllige Porzellanschale und werden mit ungefähr 300 Grammen erwärmten Wassers übergossen. Der Kalk löscht sich dann rasch und bildet, die angegebene Wassermenge ganz aufsaugend, einen heißen, gleichmäßig beschaffenen Teig. Auf letzteren tropft man alsdann 7–8 Gramme Steinkohlentheer, welche in einem kleinen Schälchen abgewogen worden sind. Es ist dabei förderlich, den Theer vorher etwas zu erwärmen, wodurch er dünnflüssiger wird. Theer und Kalkhydrat werden nun mit dem Spatel, ohne weiteren Wasserzusatz auf's Innigste durcheinander gerührt. Ist der Kalkteig, was entschieden nothwendig bleibt, währenddem noch 80–90° C. heiß, dann verbindet sich der Theer mit dem Kalk in einer Weise, daß sich das kleinste Theerpünktchen nicht mehr wahrnehmen läßt. Wäre dagegen bei dieser Operation das Kalkhydrat schon erkaltet gewesen, dann zeigt sich eine ganz unvollkommene Verbindung der beiden Stoffe, nämlich ein Uebergang des Theeres in harte feste Klümpchen, welche nachher sich nicht zertheilen lassen und Anlaß geben, daß beim Gebrauche solcher Desinfections-Masse sich eine Theerhaut auf der desinficirten Flüssigkeit bildet. Diese Theerhaut darf nirgends sich zeigen und wäre ein Zeichen dafür, daß die Masse den erwarteten Dienst nicht erfüllen wird.

Ist soweit Alles gut, dann verdünne man den Theerkalkbrei noch mit weiteren 300 Grammen Wasser und setze darauf schließlich hinzu die noch erforderlichen 33 Gramme entwässertes Chlormagnesium, welche vorher in etwas Wasser gelöst wurden. Anstatt des entwässerten Chlormagnesiums läßt sich auch die äquivalente Menge (circa 70 Gramme) krystallisirtes Chlormagnesium (Mg Cl + 6 aq) benutzen. In dem noch ziemlich warmen Medium zersetzt sich das Chlormagnesium sogleich und vollständig mit dem Kalkhydrat, es entsteht einerseits Chlorcalcium, andererseits Magnesiahydrat, einer der voluminösesten und leichtesten mineralischen Körper, die es gibt. Man merkt diese Eigenthümlichkeit des Magnesiahydrates an der großen Ausdehnung und Volumvermehrung, welche die Masse plötzlich gewinnt. Die dabei eintretende dunklere, in's Blaue neigende Färbung ist ebenfalls auffällig und zwar um so mehr, als das Magnesiahydrat an sich schneeweiß ist.

Nach gutem Durchrühren der ganzen Masse spüle ich letztere aus der Porzellanschale in eine Literflasche und verdünne bis zur Marke. Die Flüssigkeit ist damit fertig. Selbst nach mehrwöchentlichem ruhigem Stehen nimmt ihr Bodensatz immerhin einen Raum von über 600 Kubikcentimeter ein, während bloßes Kalkhydrat, unter sonst gleichen Verhältnissen, auf etwa 300 Kubikcentimeter Volum zusammensinkt. In verstopfter Flasche hält sie sich monatelang in gleicher Wirksamkeit. Wird sie vor jedesmaligem Gebrauche in der Flasche gut umgeschüttelt, dann lassen sich mittelst einer unten etwas weiten Pipette bequem 10 oder 30 Kubikcentimeter herausheben, welche 1 resp. 2 Gramme Kalk genau repräsentiren. Für analytische Zwecke, bei welchen man mit Cloakenwasserquantitäten von 5–10 Liter zu experimentiren pflegt, hat diese Art der Probenahme ihre Vortheile.

Bei der Anwendung im Großen bleiben die hiermit angedeuteten Regeln maßgebend. Was oben Gramme sind, mögen Pfunde oder Centner seyn. Zum Löschen des Kalkes ist jedes kalte Wasser, mag es Fluß- oder Cloakenwasser sehn, brauchbar; nur gebe man die bis zum Einbringen des Theeres nöthigen 300 Proc. Wasser nicht auf einmal zum Kalke, sondern in Portionen. Auch braucht man nicht zu besorgen, daß größere Massen von Kalkteig ihre 80–90° C., die zur Lösung des Theeres nöthig sind, so rasch an die Umgebung verlieren, wie dieß bei Experimenten mit bloß 100 Grammen Kalk der Fall ist. Welche Verwendung man schließlich der Desinfectionsmasse gibt, darauf kommt es nicht wesentlich an. Die Masse muß jedoch ziemlich flüssig seyn, und unseren Erfahrungen gemäß scheint die zweckmäßigste Verdünnung erreicht zu seyn bei einem Gehalte von 9 Proc. Trockensubstanz. (Wochenblatt zu den preußischen Annalen der Landwirthschaft, 1868, Nr. 9.)