Text-Bild-Ansicht Band 253

Bild:
<< vorherige Seite

Kopf, ein zuverlässiger Maſsstab für das mehr oder minder gute Leben, für die Fähigkeit eines Volkes, seine Bedürfnisse mehr oder minder vollständig zu befriedigen, zeigt uns eine wesentliche Erhöhung des „standart of life“ des Fuſses, auf welchem die Bevölkerung Sachsens lebt, seit das Deutsche Reich erstanden ist. Diese Bevölkerung, die durchaus auf die Industrie angewiesen ist, welche so dicht zusammengedrängt lebt, wie kein zweiter deutscher Volksstamm, und die nichts weniger als die wohlhabendste Deutschlands ist, diese Bevölkerung erhält sich selbst während der intensiven wirthschaftlichen Krisis mit ihrem Fleischverbrauche oberhalb der höchsten Werthe, welche früher zu verzeichnen waren. Sie erhält sich so hoch, obgleich sie seit dem J. 1867 auch die Opfer mit aufzubringen hat, welche die Selbstständigkeit Deutschlands fordert. Diese Thatsache legt den Schluſs nahe, daſs die höhere Achtung, welche Deutschland seit 1870 genieſst, den Bewohnern desselben ermöglicht, besser zu leben als vorher: Die Rückwirkung der politischen Stellung auf die wirthschaftliche!

Aber nicht bloſs der Fleischverbrauch spricht dies aus, auch die Verhältnisse der sächsischen Sparkassen weisen darauf hin. Verfolgt man den Linienzug Fig. 19, welcher die jährlichen Einzahlungen in die sächsischen Sparkassen seit 1849 bis 1880 darstellt, so erkennt man, wie auſserordentlich rasch dieselben von 1870 an wachsen; dann macht sich vom J. 1874 die wirthschaftliche Krankheit bemerklich, allein bei weitem nicht so einschneidend, als man erwarten könnte. Um etwa 12 Proc. fallen die Einzahlungen bis 1877 und steigen dann fortgesetzt.2) Im J. 1880 sind sie höher als 1874. Wird sodann die Curve Fig. 18 ins Auge gefaſst, welche das Gesammtguthaben der Sparkasseneinleger darstellt, so findet sich seit 1870 ein auſserordentlich rasches Steigen dieser Curve. Im J. 1870 betrug das Guthaben sämmtlicher Einleger 116 Mill. Mark, 10 Jahre später 339 Mill., also fast drei Mal so viel. Dem Einwände, daſs auch die Bevölkerung in dieser Zeit stark gewachsen, wird der Linienzug Fig. 21 gerecht, welcher das Guthaben auf den Kopf der Bevölkerung darstellt. Hier aber zeigt sich die gleiche Erscheinung: Starkes Ansteigen der Curve vom J. 1870 an bis 1876, dann geringes Anwachsen, von 1879 an wieder stärkere Zunahme. Dazu kommt noch, daſs die in der zweiten Hälfte der 70 er Jahre geschaffene 3procentige sächsische Rente den Sparkassen Concurrenz macht, in Folge dessen diese nicht mehr den Zugang an Ersparnissen der groſsen Masse des Volkes in dem Maſse

2)

Im Vortrage wurde noch auf den Zusammenhang der Fleischverbrauch-Curve Fig. 17 mit Sparkassen-Curven, namentlich Fig. 19 hingewiesen. Die Kriegsjahre 1855 (Krim), 1859 (Italien), 1870, 1877 zeichnen sich durch untere Culminationspunkte aus. 1866 besitzt nur bei der Sparkassen-Curve einen tiefsten Punkt; im Fleischverbrauche trat ein solcher nicht ein, da der Bedarf an Fleisch durch die preuſsischen Truppen, welche über Sachsen nach Oesterreich marschirten bezieh. Sachsen besetzt hielten, eine besondere Steigerung erfuhr.