Text-Bild-Ansicht Band 261

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Brüche, die hierbei eintreten, kann man nicht eigentlich als unerklärlich bezeichnen.1) Eisen besitzt dieselbe Eigenthümlichkeit.

Stromeyer erwähnt des Näheren zwei Fälle, in welchen eine Eisenplatte und eine Stahlplatte, ohne der vorher erwähnten Behandlung unterworfen gewesen zu sein, brachen, trotzdem die Beschaffenheit des Materials nach den üblichen Prüfungen gut war; er theilt ferner in Tabellen und Diagrammen die Ergebnisse von 330 einschlägigen Versuchen mit, welche hauptsächlich in Biege- und Zugproben bestanden. Hieraus ist zu entnehmen, daſs die Elasticitätsgrenze von Stahl und Eisen durch wiederholte Zugproben erhöht wird; in einzelnen Fällen stieg diese Grenze über die ursprüngliche Bruchfestigkeit, während die schlieſsliche Bruchfestigkeit nur wenig sich änderte. Auf die Gesammtdehnung war vorhergegangene mechanische Bearbeitung von Einfluſs, während die Contraction bedeutend schwankte.

Unter der Bezeichnung „Blauhitze“ versteht Stromeyer alle diejenigen Temperaturen, welche eine Färbung von hellstrohgelb bis blau auf der blanken Oberfläche von Stahl oder Eisen hervorrufen. Es zeigte sich nun, daſs Stahl, der 1 oder 2 mal kalt gebogen wurde, fast ebenso viel weitere Biegungen aushielt wie die ursprünglichen Probestücke. Wurde dasselbe Material aber nur einmal im blauwarmen Zustande gebogen, so verlor es einen groſsen Theil seiner Dehnbarkeit. Von 12 Stahlproben von 10mm Dicke, welche vorher 2 mal warm gebogen waren, brachen 9 durch einen einzigen Hammerschlag und die anderen 3 hielten nur 1 oder 2 weitere Biegungen aus. 5mm dickes Lowmoor-Eisen brach nicht ganz so leicht, ertrug aber nur ungefähr die Hälfte der ursprünglichen Zahl von Biegungen. Alle Versuche deuteten in unverkennbarer Weise auf die groſsen Gefahren hin, denen Eisen und Stahl bei der Bearbeitung im blauwarmen Zustande ausgesetzt sind. Der Unterschied zwischen gutem Eisen und weichem Stahl scheint der zu sein, daſs Eisen beim Biegen leichter bricht als Stahl, daſs Eisen durch kalte Bearbeitung in höherem Grade dauernd geschädigt wird als Stahl, daſs aber, wenn es das Biegen im warmen Zustande ausgehalten hat, wenig Wahrscheinlichkeit mehr vorhanden ist, daſs es in Stücke zerspringt, wie weicher Stahl.

Alles Hämmern und Biegen von Eisen und Stahl ist zu vermeiden, wenn diese Materialien nicht entweder kalt, oder rothglühend sind. Läſst sich dies nicht durchführen und ist die Platte oder Stange während der Blauhitze nicht gebrochen, so muſs sie hinterher ausgeglüht werden. Seit der Einführung des weichen Stahles hat ein Gebrauch unter den Kesselschmieden allmählich Eingang gewonnen, welcher entschieden empfehlenswerth ist; er besteht darin, daſs mit der Bearbeitung einer rothglühend gewesenen Platte aufgehört wird, sobald dieselbe so weit abgekühlt ist, daſs der durch Reiben mit einem Hammerstiele oder einem anderen Holzstücke erzeugte Fleck nicht mehr glüht. Eine Platte, welche nicht mehr heiſs genug ist, um dieses Glühen hervorzubringen, die aber zu heiſs ist, als daſs man sie mit der Hand berühren könnte, ist höchst wahrscheinlich blauwarm und sollte unter keinen Umständen gehämmert oder gebogen werden.

Die Theorie, daſs örtliche Erwärmung einer Platte Spannungen hervorruft, welche manchmal den Bruch veranlassen, wird anscheinend durch die Versuche nicht bestätigt; es erscheint aber zweifelhaft, ob man den Vorschlag, eine heiſs bearbeitete Platte örtlich wieder anzuwärmen, um die betreffende Stelle auszuglühen, ausführen sollte. Es wurden verschiedene Probestücke rothwarm oder blauwarm gemacht und dann, indem man eine ihrer Kanten in kaltes Wasser hielt, langsam abgekühlt. Wie zu erwarten war, verlor der mittelharte Stahl viel von seiner Dehnbarkeit; die anderen Stahlsorten und das Eisen litten nicht sehr darunter.

Stromeyer empfiehlt schlieſslich, die Frage weiter zu studiren, insbesondere auch noch zu ermitteln, ob jede Stahlsorte durch blauwarme Bearbeitung dauernd spröde wird, oder ob dies unabhängig von den verschiedenen Beimengungen ist und ob schon die bloſse längere Einwirkung der Blauhitze auf den Stahl denselben Erfolg hat.

1)

Vgl. Huston 1878 227 502. J. Kollmann 1881 239 * 141.