Text-Bild-Ansicht Band 261

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Die Ansichten, zu welchen Brinell durch seine Versuche gelangt, faſst er in folgende Sätze zusammen:

Wenn Stahl ohne mechanische Bearbeitung seine grobkrystallinische Textur verliert, so geschieht dies jederzeit mit dem Uebergange der Kohle aus Cementkohle in Härtungskohle oder umgekehrt, und hat man die Ursache der Vernichtung der grobkrystallinischen Textur ausschlieſslich in der Veränderung des Zustandes der Kohle zu suchen. Nur wenn die Zustandsänderung der Kohle unter Erhitzung stattfindet, verschwindet die grobkrystallinische Textur in etwas erheblicherem Grade und völlig nur, wenn die Kohle unter Erhitzung aus Cementkohle in Härtungskohle übergeht. In voller Uebereinstimmung hiermit verliert auch der ganz grobkrystallinische Stahl, gehärtet oder ungehärtet, diese seine Textur vollständig, sobald die Erhitzung gerade bis auf den Grad getrieben wird, welcher zur Verwandlung der Cementkohle in Härtungskohle ausreicht.

Zu Weiſsglut erhitzter Stahl muſs, soll die Kohle in Cementkohle sich verwandeln, langsam bis zu einem niedrigeren Wärmegrade sich abkühlen als der, zu welchem ungehärteter Stahl erhitzt werden muſs, wenn sich seine Kohle zu Härtungskohle umsetzen soll. Der Uebergang der Kohle von Cementkohle in Härtungskohle erfolgt ganz schnell, sobald der Wärmegrad dazu hoch genug wird. Dagegen geht die Umwandlung der Härtungskohle allmählicher vor sich während eines gröſseren Theiles sowohl der Erhitzungs-, als der Abkühlungsdauer. Der Uebergang der Härtungskohle in Cementkohle erfolgt stets unter Wärmeentwickelung und es ist deshalb wahrscheinlich, daſs die Umsetzung der Cementkohle in Härtungskohle unter Verbrauch von Wärme vor sich geht.

Wenn die Härtungskohle bei Erhitzung oder bei Abkühlung völlig oder zum gröſseren Theile in Cementkohle übergeht, erfolgt ganz plötzlich eine Krystallisation, die in demselben Maſse einen um so mehr grobkrystallinischen Bruch erzeugt, als die vorherige Textur des Stahles mehr grobkrystallinisch war.

Schnelle Abkühlung ruft nie einen amorphen1) oder feinkrystallinischen Bruch hervor bei einem unmittelbar vor dem Augenblicke der Abkühlung grobkrystallinisch gewesenen Stahl, aber sie hindert einen beim Beginne der Abkühlung entweder amorphen, oder geschmolzenen Stahl, daſs er während derselben eine krystallinische Textur annimmt. Schnelle Abkühlung hält mit anderen Worten nur die Textur fest, welche der Stahl vor der Abkühlung besaſs.

Zum Uebergehen der Kohle von Härtungskohle in Cementkohle ist nicht allein der richtige Wärmegrad erforderlich, sondern auch Zeit,

1)

Mit amorph bezeichnet Brinell einen solchen Bruch, in welchem man mit unbewaffnetem Auge irgend eine deutliche Krystallisation nicht mehr erkennen kann.