Text-Bild-Ansicht Band 33

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Seidenbau-Commission die Anzucht der Maulbeerbäume fördert, haut man in Bayern (so gut wurde das Landvolk durch seine Pfarrer unterrichtet) die Maulbeerbäume um, die unter Max Emanuel gepflanzt wurden und noch im Jahre 1829 grünten; so läßt sich kein Grund für ein Surrogat einsehen. Daß die Scorzonere keines geben kann, erhellt aus Folgendem.

1) Ist es in §. 5–6 anerkannt, daß Scorzonere auf keinem schlechten Boden gedeiht, und gutes Akerland, man darf sagen Gartenboden, fordert. – Der Maulbeerbaum nimmt, aus der Baumschule auf schlechten Boden verpflanzt, mit dem schlechtesten Boden vorlieb. Er wird auf der Freysinger Heide gedeihen, auf diesem großen und schönen Schauplaze der Cultur, die eines der ältesten Bisthümer Deutschlandes durch ein volles Jahrtausend seinem Lande geschenkt hat. Wenn man nur durch ein halbes Jahrhundert, nach Max Emanuels weisem Wunsche, Schafe auf der Freysinger Heide geweidet hätte, so würde diese wüste Streke jezt recht gut für Scorzonere und Getreide taugen: man fand es aber für gut, aus Menschen Schafköpfe ein Jahrtausend lang zu machen, und so blieb die Wüste, wie sie war. Wenn der Maulbeerbaum auf dieser Heide auch verkrüppeln sollte, so weiß man ja, daß die Nordamerikaner auf Gründen, die sie zu nichts brauchen können, den Maulbeerbaum krautartig aufgehen lassen, und mit der Senfe mähen. Der größte Seidenwirth in Europa, Hr. Bonafous, ladet seine Landsleute ein, auf schlechten Gründen die Erfahrungen der excentrischen Nord-Amerikaner zu prüfen. Lassen wir indessen alles Ungewisse, so bleibt es gewiß, daß

2) die Scorzonere alle Jahre ein Mal gebaut werden muß. Es ist überflüssig, die Mühe und der Kosten zu erwähnen, die ein Tagwerk Scorzonere fordert. – Wenn ich ein Mal einen Maulbeerbaum gepflanzt habe, so steht er mir 100 Jahre lang, ohne auch nur die Mühe des Nachsehens zu fordern. Ich habe von dreihundertjährigen Maulbeerbäumen sprechen gehört: hundertjährige sah ich:

3) Es ist ferner offenbar, daß wie Figur 27. Tab. IX. zeigt, wenn auf einem Maulbeerbaume, dessen Stamm nur 3 Zoll im Durchmesser hält, nur 9 Scorzonerepflanzen wüchsen, es vortheilhafter wäre, diese 9 Scorzonerepflanzen auf der Stammfläche von 3 Zoll Durchmesser, als auf einer Ebene von 216 □ Zoll wachsen zu lassen: denn so viel brauchen die 9 Scorzonerepflanzen, wenn man sie, im Verbande (en quinconce) nur 4 Zoll weit von einander in die Erde sezt. Auf diesen 216 □ Zollen kann ich aber, wenn der Boden gut ist, irgend etwas anderes unter dem Maulbeerbaume pflanzen, das mir mehr trägt, als Scorzoneren-Gemüse und den guten Boden weniger aussaugt, und wenn er so schlecht ist, daß keine Scorzonere darauf gediehe, könnte ich wenigstens irgend ein Gras für's Vieh bauen. Wir haben bloß zur Versinnlichung unserer Rechnung obige Annahme gewählt; nun ist es aber offenbar, daß ein Maulbeerbaum von 3 Zoll Durchmesser im Stamme, Hunderte von Scorzonerepflanzen in seiner Krone trägt. Man versuche es ein Mal, wäge die Blätter nur einer 7 jährigen Maulbeer-Staude, messe die Oberfläche des Bodens, den das Stämmchen derselben braucht, und nehme gleiches Gewicht Scorzonerenblätter, und messe den Boden, den dieses Gewicht Scorzonere nöthig hat, und man wird erstaunen über den Unterschied.

4) Von einem Maulbeerbaume kann ich drei bis vier Mal im Jahre Blätter schneiden) wie oft kann man dieß an der Scorzonere?

5) Ist noch die große Frage: welchen Einfluß wird dieses neue Futter, wenn es Generationen lang fortgesezt wird, auf die Thiere selbst und auf die von ihnen gesponnene Seide haben? Hierüber kann nur die Zukunft in einer Reihe vieljähriger Erfahrungen entscheiden, und bis dahin wird es klüger seyn, die Versuche im Kleinen mit aller Genauigkeit fortzusezen, als die Scorzoneren-Fütterung, selbst wenn diese wohlfeiler wäre (was sie nicht ist), allgemein einzuführen.

Wenn wir aber auch durchaus nicht für die Anwendung irgend eines Surrogates