Text-Bild-Ansicht Band 116

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Raum das Zersprengen des Rohrs zur Folge haben müsse, als auch mit der hierauf beruhenden allgemeinen und wirksamen Entzündung des Pulvers und mit der zur Luftdurchschneidung zweckmäßigen, aber nach den Gesetzen der Menschlichkeit so grausamen Keilkugelform bekannt machten. Sie wiesen darauf hin, daß die veraltete Ladung der Büchse, bei der Hammer, Setzstock und Talgpflaster benutzt werden, die Fehler habe, daß das Pulver unzweckmäßig und unverhältnißmäßig zusammengedrängt und dadurch theilweise aus seiner natürlichen Gestalt zu Mehl verwandelt werde; daß die stattfindende Explosion schon deßhalb keine so wirksame, hauptsächlich aber darum nicht werden könne, weil in einem so zusammengedrängten Pulverlager nicht genug Raum zur Entwickelung der Gase gegeben sey, mithin eine nicht unbedeutende Zahl der Pulverkörner unverbrannt gleichzeitig mit herausgerissen werde. Von diesem Umstande kann man sich deutlich überzeugen, wenn man über eine Schneefläche oder über ein Tischtuch schießt; ist der Schuß derb eingekeilt gewesen, so wird man stets unverbrannte Pulverkörner wieder finden. Ferner machten sie darauf aufmerksam, daß das Fett des Pflasters, besonders wenn dieses in einem erwärmten Rohre längere Zeit dem Pulver aufsitze, ebenfalls das vorbenannte Resultat erzeuge. Endlich bewiesen sie noch, daß die Spitzkugel besser als die runde den Schwerpunkt in der Mitte behalte, weil sie stets vollkommen massiv und nicht wie diese oftmals im Innern mit hohlen Stellen versehen sey.

Da alle diese Einwürfe auf augenscheinlicher Wahrheit beruhten, da ferner eine zweckmäßige Verbesserung geboten war. und außerdem die Verwandlung der Gewehre, besonders der mit Patentkammern versehenen, in spitzkugelnschießende sich leicht bewerkstelligen ließ, so verbreitete sich die Erfindung sehr schnell. Von schwedischen Castelljägern damit bekannt gemacht, führten sie zuerst die Franzosen bei den Chasseurs d'Algérie und Vincennes ein, sie vervollkommneten sie sogar noch dadurch, daß sie das Rohr zur Aufnahme einer bedeutenden Gradladung tauglich machten und noch mit einem 4 Zoll hohen verschiebbaren Klappvisir zu weiten Schüssen versahen. Fast gleichzeitig mit ihnen bemächtigten sich die Belgier dieser Erfindung, die sie wieder in so fern zu vereinfachen suchten, als sie den nach ihrer Ansicht überflüssigen, oft sogar schädlichen Dorn, auf dem die Kugel aufsitzt, von dem sie aber zu der Zeit noch nicht wußten daß er, um nicht aus der Diagonale gedrängt zu werden, aus dauerhaft gehärtetem Eisen bereitet werden muß, ganz weg und die Kugel einzig und allein auf den hervorstehenden Kranz der Patentkammer aufsitzen ließen; eine Erfindung, von der sie jedoch schnell abließen, als sie die nachtheilige Wirkung für die Züge, in die sich das Blei zu sehr eindrängt, erkannten. Den Belgiern schlossen sich versuchsweise die Engländer, die in früheren Jahren schon oblonge Kugeln ohne besondern Nutzen eingeführt hatten, und die Preußen an; jetzt wird endlich auch in Sachsen diese Waffe eingeführt.

Da ein geübter Soldat, besonders wenn die Gradmessung am Pulverhorn angebracht ist, mit ihr in 2 Minuten 5 wohlgezielte Schüsse absenden, außerdem ohne große Beschwerde 100 Kugeln mit sich führen kann; da ferner das Gewehr keinen überraschenden Fehlern im Mechanismus und die Verfertigung der Ammunition keinen Schwierigkeiten unterworfen ist, endlich vermöge seiner Vervollkommnung weiter trägt als die Büchse, – so wird es wohl binnen kurzem allgemein an deren Stelle beim Militär eingeführt seyn.

Nicht unerwähnt darf hier gelassen werden, daß die Dänen in den vorjährigen Kriegen unterhalb der Spitzkugel noch einen umwickelten Bleicylinder mit einluden. Ein technischer Vortheil wird hiermit nicht erzielt, wohl aber eine den Kriegsgesetzen Hohn sprechende Grausamkeit. Lassen wir ihnen diese Ehre, sie stellen sich dadurch nur mit jenen barbarischen Nationen auf eine Stufe, bei denen es sich nur um den Mord handelt, die dadurch ihre Feinde vernichten, daß sie die Kugeln vergiften, oder das Schwanzstück derselben mit Draht an die Patrone binden, oder endlich, was ganz mit der Gebrauchsweise der Dänen übereinstimmt, segmentförmig abgeschnittene und mit diesen glatten Flächen übereinander gedrehte Kugeln beim Kampfe anwenden. Dann ist es keine Schlacht, sondern ein Schlachten zu nennen. (Böttger's polytechnisches Notizblatt 1850. Nr. 10.)