Text-Bild-Ansicht Band 140

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Es sind außerdem wohl fast in jedem Laboratorium90) Versuche über diese Bildungsweise des Cyans gemacht worden, welche es, ganz abgesehen von den erwähnten Schwierigkeiten, sehr zweifelhaft gemacht haben, ob überhaupt die Bildung des Cyankaliums in genügendem Maaße auf diesem Wege erreicht werden könne. Es möchte hierbei noch in Betracht zu ziehen seyn, daß sich Cyanammonium in Berührung mit glühendem Eisen in seine Elementarbestandtheile zersetzt (vergl. Weiteres unter III.). Ich meinerseits habe mich bemüht, die praktischen Hindernisse auf eine einfache Weise zu umgehen, zu welchem Zwecke ich schließlich folgenden Versuch im Kleinen anstellte.

Ein großer, möglichst hoher Schmelztiegel wurde zur unteren Hälfte mit einem Gemenge von gleichen Theilen getrocknetem Blut und Potasche, zur oberen mit einem solchen von Potasche und 40 Proc. Lederkohle angefüllt, und sodann in einem gewöhnlichen runden Tiegelofen bis zur halben Höhe mit losen Steinbrocken umgeben, die obere aber durch glühende Kohlen bis zum Schmelzen erhitzt. Sodann wurde derselbe rasch in eine daneben befindliche Feuerung gesetzt, zur einen Hälfte mit tobten, zur andern mit glühenden Kohlen umgeben, so daß die obere Hälfte gar nicht aus dem Schmelzen kommen konnte und nun die Erhitzung (resp. Verkohlung und Schmelzung) allmählich nach unten fortschritt, bis endlich die ganze Masse in Fluß gebracht war. Die Gase waren so gezwungen ihren Weg durch die schmelzende Masse zu nehmen. Obwohl das Resultat dieses einen Versuches nicht maßgebend seyn kann, ist es doch immerhin interessant genug. Es gab nämlich die obere nur unvollkommen geschmolzene Schicht 4,6 Proc. Blutlaugensalz; dagegen befand sich im unteren Theil des Tiegels (etwa 1/5 des ganzen Inhalts) eine vollständig geflossene, fast nur aus Cyankalium und Potasche bestehende Masse, die nicht weniger als 28,6 Proc. Ferrocyankalium gab. Das Cyankalium scheint also gleichsam ausgesaigert zu seyn.

Die Anwendung dieses Princips im Großen würde keine Schwierigkeiten haben und ungefähr folgendermaßen auszuführen seyn. Ein gußeisernes, aus zwei Theilen bestehendes Gefäß, Fig. 12, würde in einem in zwei Etagen getheilten Flammofen so eingemauert, daß die beide Theile verbindenden Flantschen in der horizontalen Scheidewand des Ofens säßen. Es würde nun der untere Theil desselben mit dem Gemenge aus gleichen Theilen möglichst stickstoffreicher thierischer Rohmaterialien und Potasche,

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Versuche, die hierüber im Laboratorium der polytechnischen Schule in Dresden angestellt wurden, ergaben, wie mir mitgetheilt wurde, aus Horn im Durchschnitt ein halbes Procent Blutlaugensalz.