Text-Bild-Ansicht Band 201

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beladene Schwefelsäure (welche ich der Kürze wegen hinfort Salpeterschwefelsäure nennen will) zu zersetzen und das Salpetergas wieder daraus zu gewinnen. Erst seit Einführung dieser neuen Methode hat sich das ganze Verfahren nach Gay-Lussac am Tyne allgemein Bahn gebrochen. Es scheint aber diese Methode außerhalb England noch nicht sehr bekannt zu seyn, was ich daraus schließen darf, daß sie einem weltberühmten französischen Fabrikanten, und einem weniger berühmten, aber vielleicht eben so tüchtigen deutschen Fabrikanten vollständig neu war, als ich sie diesen Herren in meiner Fabrik zeigte; auch macht Dr. Schwarzenberg in seiner sonst ganz ausgezeichneten und ganz monographisch behandelten Beschreibung der Schwefelsäurefabrication in Bolley's Handbuch der chemischen Technologie keine Erwähnung davon. Ich werde also vielleicht manchem meiner HHrn. Collegen einen kleinen Dienst erweisen, wenn ich das am Tyne angewendete Verfahren zur Wiedergewinnung der salpetrigen Säure im Einzelnen beschreibe.

Das Hauptverdienst der neuen Methode scheint ganz entschieden meinem Freunde Hrn. John Glover in Wallsend bei Newcastle zu gebühren, welcher die jetzt gebräuchliche Form der Denitrirungs-Thürme eingeführt hat. Ich habe zwar von einem Fabrikanten behaupten gehört daß Hr. Glover nur die in seiner Fabrik seit vielen Jahren gebräuchliche Methode copirt habe, aber dem widerspricht die Meinung der übrigen Fabrikanten und der Umstand daß diese Thürme in Lancashire (weniger am Tyne) ausdrücklich als Glover's towers bezeichnet werden.

Die Absorption der Salpetergase durch concentrirte Schwefelsäure findet bei uns ganz in derselben Weise statt wie es von jeher geschehen und allen deutschen Fabrikanten vollkommen bekannt ist, in einem Kohksthurme, mit möglichst guter Vertheilung der absorbirenden Schwefelsäure.73 Anders steht es dagegen mit der Zersetzung der Salpeterschwefelsäure. Gay-Lussac schlug vor, dieselbe in einer eigenen kleinen Bleikammer welche mit theilweise durchgehenden horizontalen Scheidewänden (zur Verlangsamung des Herabströmens der Säure) versehen ist, dem aus einigen Schwefelöfen aufsteigenden Gase entgegenfließen zu lassen. Dabei tritt die schweflige Säure mit den Stickstoffsäuren in Wechselwirkung, und es erzeugt sich einerseits Schwefelsäure, andererseits Stickoxyd, welches weiter nach den Bleikammern geht. Man fand es aber bald zweckmäßig, Wasserdampf zur Zersetzung mitwirken zu lassen, wesentlich weil die kleine Vorkammer außerordentlich schnell zerstört wurde; nach Schwärzenberg

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In dieser Beziehung sind die besseren deutschen Fabriken den allerbesten englischen mindestens ebenbürttig.