Text-Bild-Ansicht Band 207

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Indulin-Tinte.

Die Société d'Encouragement in Paris setzte einen Preis für eine neue Tinte aus, welche die Uebelstände der alten, das Gelbwerden der Schriftzüge, das Angegriffenwerden der Stahlfedern und das Dickwerden im Tintenfaß, nicht theile, dabei aber die Schrift ebenso lange conservire, wie die alte Tinte, mit der im Jahre 910 ein Manuscript geschrieben wurde, welches in der Abtei Cluny noch heute im besten Schwarz aufbewahrt wird. Das Gelbwerden der alten Schriftzüge sott nur dann erfolgen, wenn die zutretende Luft feucht war. Coupier und Collin schlugen nun vor, das von ihnen fabricirte Blauschwarz, unter dem Namen Indulin bekannt, im Verhältniß von 20: 1000 in Wasser zu lösen und als Tinte zu verwenden. Die mit dieser Flüssigkeit auf Papier erzeugten Schriftzüge sind schön blauschwarz und widerstehen den chemischen Agentien vollkommen, was die gewöhnliche Schreibtinte nicht thut; die Tinte greift auch die Stahlfedern nicht an, und erhält sich bis zum letzten Tropfen dünnflüssig; wenigstens kann sie, selbst ganz ausgetrocknet, durch einen Zusatz von Wasser wieder brauchbar gemacht werden. Die Gesellschaft konnte indessen dieser Tinte den Preis nicht zuertheilen, weil sie nicht lief genug in das Papier eindringt, weßhalb die Schriftzüge sich durch Wasser fortwaschen lassen. Dagegen hat sie den Erfindern eine Belohnung von 500 Francs zuerkannt und die Tinte als zum Gebrauch für Schulen sehr geeignet empfohlen. Die Tinte hat für diesen Zweck den großen Voltheil, daß damit hervorgebrachte Flecke durch einfaches Waschen mit den gewöhnlichen Waschmitteln zu entfernen sind. (Reimann's Färberzeitung, 1872, Nr. 46.)

Die freie Säure im Wein; von Dr. Graeger.

Alte Weine zeigen in Folge eines gewissen Gehaltes an freier Säure und auch an zweifach-weinsaurem Kali (Weinstein) eine saure Reaction. Ein Wein welcher nicht sauer reagirt, schmeckt fade; die freie Säure ist sein vorzüglichstes Gewürz. Bis vor nicht langer Zeit galt es für unbestritten, daß die freie Säure der Weine Weinsäure sey. Die Untersuchungen von Neßler haben jedoch gezeigt, daß dieß eigentlich nur selten der Fall ist; sehr oft findet sich neben der Weinsäure auch Aepfelsäure, und noch häufiger ist die freie Säure der Weine lediglich Aepfelsäure. Daß die Natur der freien Säure, nämlich ob Weinsäure, ob Aepfelsäure, einen Einfluß auf den Geschmack der Weine äußere, scheint bis jetzt noch nicht bekannt zu seyn; eine Auflösung von Weinsäure in Wasser schmeckt herber, schärfer, als eine eben solche Auflösung von Aepfelsäure, wenn beide Auflösungen äquivalentgleiche Mengen freier Säure enthalten. Es ist demnach nicht unwahrscheinlich, daß Weine mit lediglich freier Weinsäure ebenfalls schärfer schmecken als solche, deren freie Säure nur Aepfelsäure oder ein Gemenge dieser beiden Säuren ist. Wie es sich hiermit verhalte, mag dahingestellt bleiben, da wir es hier mit anderen Beziehungen der freien Säure zum Weine zu thun haben. Aus den Untersuchungen von Neßler scheint hervorzugehen, daß nur in sehr seltenen Fällen die freie Säure in den Trauben lediglich Weinsäure ist; in den meisten Fällen ist sie ein Gemisch von Weinsäure und Aepfelsäure, jedoch nicht in einem constanten Verhältnisse. Hieraus erklärt es sich, daß wir in den Weinen das eine Mal nur Aepfelsäure, das andere Mal diese gemischt mit Weinsäure antreffen. Der letztere Fall tritt ein, wenn die Menge der Basen, resp. von Kali und Kalk, nicht ausreichend ist, alle Weinsäure zu binden; ist dagegen die Menge der Basen größer, so wird alle Weinsäure, da deren Verwandtschaft stärker ist, als die der Aepfelsäure, gebunden, stets zweifach-weinsaures Kali oder weinsauren Kalk bildend.

Dieß sind die Verhältnisse, wie sie bei dem reinen Traubenmoste oder Weine vorkommen; ganz anders aber gestalten sich dieselben bei den sogen, gallisirten und petiotisirten Weinen, wo der Most mit einer größeren oder geringeren Menge Wasser verdünnt wird. Wenn das zum Verdünnen benutzte Wasser, wie dieß wohl mit wenigen Ausnahmen der Fall seyn dürfte, Kalksalze, namentlich Gyps und Chlorcalcium, enthält, so weiden diese Salze in der Weise zerlegt, daß sich nach einiger Zeit weinsaurer Kalk ablagert, während die Säuren, Schwefelsäure und Salzsäure, in Freiheit treten und im Weine aufgelöst werden, so daß wir als freie Säure nicht Weinsäure, sondern Schwefel- und Salzsäure haben. Daß dieses unter den gegebenen Verhältnissen