Text-Bild-Ansicht Band 291

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DINGLERS
POLYTECHNISCHES JOURNAL.

Jahrg. 75, Bd. 291, Heft 12. Stuttgart, 23. März 1894.

Textabbildung Bd. 291, Hefttitelillustration
Jährlich erscheinen 52 Hefte à 24 Seiten in Quart. Abonnementspreis vierteljährlich M. 9.–. direct franco unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich M. 10.30, und für das Ausland M. 10.95. Redaktionelle Sendungen u. Mittheilungen sind zu richten: „An die Redaktion des Polytechn. Journals“, alles die Expedition u. Anzeigen Betreffende an die „J. G. Cotta'sche Buchhdlg. Nachf.“, beide in Stuttgart.

Neuerungen in der Tiefbohrtechnik.

Von E. Gad in Darmstadt.

Mit Abbildungen.

Das Abbohren von Schächten kommt überall in Betracht, wo die gewöhnlichen Abteufmittel zur Erreichung der nutzbaren Lagerstätten versagen, was z.B. bei allen übermässig wasserreichen Deckgebirgen der Fall ist. Hierbei macht es einen wesentlichen Unterschied, ob das zu durchsinkende Gebirge standfest ist, wie z.B. der Kreidemergel Westfalens, oder aus thonigem Schwimmsand besteht, wie am Niederrhein.

Textabbildung Bd. 291, S. 265
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Im ersteren Falle ist die Aufgabe leichter und wird meist nach dem System Kind-Chandron gelöst. Das neueste hierzu von der Firma Haniel und Lueg zu Düsseldorf angefertigte Bohrgeräth ist folgendes:

Der kleine Schachtbohrer Fig. 1 dient zum Vorstossen eines engeren Bohrloches von 1,8 bis 2,5 m Weite und besteht aus dem stählernen Meisselstück a an dem schmiedeeisernen Meisselschaft b, der oben die Führung c besitzt und sich am Freifallstück d bewegt. Das Gewicht beträgt 4000 bis 8000 k.

Der grosse Schachtbohrer Fig. 2 soll den Schacht bis auf 5 bis 6 m Weite nachbohren, was meist in regelmässigem Abstande von 5 bis 10 m hinter der Vorbohrung her erfolgt. Die einzelnen Meissel a sind am Meisselschaft b an den äusseren Enden angebracht, während die Breite der Vorbohrung frei bleibt. Die Führung c ist vierarmig. Die Frei fall Vorrichtung d functionirt durch den Widerstand, den der Blechhut e beim Fall des Bohrers im Wasser findet. Eine Füllung des ganzen Schachtes mit Wasser ist zudem günstig, weil der Wasserdruck die Schachtwände standfest erhält. Geschlämmt wird mit Ventilbüchsen, meist aus dem Vorbohrloch, auch während der Schachterweiterung. Die Bewegung des Bohrgeräthes geschieht durch einen starken Bohrschwengel; die Kabelmaschine unterscheidet sich auch nur durch ihre Grössenverhältnisse von der Lochbohrmaschine.

Nach vollendeter Bohrung erhält die Schachtwandung an ihren wasserführenden Stellen, also ganz oder theilweise, eine Bekleidung durch Cylinder aus gusseisernen Ringen – die Cuvelage –, welche, von Tage aus in den Schacht eingelassen, wasserdicht mit dem trockenen Gebirge verbunden und durch Hinterfüllung mit Cement befestigt wird.

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Fig. 3 stellt einen solchen von Haniel und Lueg gefertigten Cuvelagering, zum Eisenbahntransport auf dem Lowry verpackt, dar. Der Durchmesser darf für den Transport 4,50 m nicht übersteigen, da das Gewicht sonst zu schwer wird. Sind grössere Schachtweiten erforderlich, so muss man Ringe an Ort und Stelle giessen oder aus Segmenten zusammensetzen.

Die ersten dieser Bohrschächte nach System Kind-Chandron sind 1852 auf Zeche Dahlbusch in Westfalen über 100 m tief mit 3,65 m lichter Weite ausgeführt; jetzt sind deren bereits in grosser Zahl vorhanden und werden ohne besondere Schwierigkeit über 300 m tief, mit 4,10 m lichter Weite und darüber, wie z.B. bei Ghlin in Belgien, auf Zeche Preussen in Westfalen u.s.w., niedergebracht.

Schwieriger ist die Durchsinkung schwimmender Gebirgsschichten ohne Standfestigkeit. Bei geringer Mächtigkeit solcher Schichten hilft man sich wohl durch Getriebearbeit, Gefrierverfahren, Gebirgsversteinerung durch Cementirung, Gebirgsaustrocknung durch Pressluft, oder durch Eindrücken von Senkcylindern oder Spundwänden.