Text-Bild-Ansicht Band 292

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Kraftübertragung, die auch mittels beider Arten Ströme verrichtet wird, ist die Elektrochemie zu nennen, wo allerdings nur Gleichstrom verwandt wird.

Textabbildung Bd. 292, S. 16
Die erste praktische Beleuchtung durch elektrische Theillichter gab in den 70er Jahren die Jablochkoff-Kerze. Sie gebrauchte Wechselstrom. Dann trat in die Praxis die Differentiallampe, die in den 60er Jahren von Tschikoleff, später von Siemens erfunden war. Bald reihte sich ihr die Edison'sche Glühlampe an. Beide gebrauchten Gleichstrom und riefen alle die unzähligen Dynamoconstructionen für Gleichstrom hervor. Der Wechselstrom wurde in der Praxis als „überwundener Standpunkt“ betrachtet, daher wurde auch alles aufgewendet, um die Kraftübertragung mittels Gleichstrom zu erzielen. Besonders hat sich in den 80er Jahren darin M. Deprez bemüht. Jedoch entsprachen die Ergebnisse nicht den auf die Versuche verwendeten Mitteln, weil die Gleichstromdynamo wegen der Funkenbildung in den unumgänglichen Collectoren (oder Commutatoren) keine höhere Spannung als etwa 2000 Volt (auch das höchst selten und nur bei sehr sorgfältiger theurer Arbeit) zulässt, diese Spannung aber auch schon bei einer Entfernung von 15 km sehr theuere Leitungen fordert. Da es nur Wechselstrommaschinen sind, die ohne Collector (und Commutator) arbeiten und somit hohe Spannung zulassen, so musste Wechselstrom in die Kraftübertragung eintreten. Entscheidend für diesen war die Lauffen-Frankfurter Kraftübertragung (1891), wo auf die grosse Entfernung von 175 km eine bedeutende Leistung (etwa 300 ) mit überzeugendem Erfolge übertragen war, wobei zuerst 10000 Volt in den praktischen Gebrauch traten. Das war zugleich auch noch ein Dreiphasenstrom. Sofort hat sich alles auf Wechselstrom geworfen, der zur Mode wurde, als etwas Hochmodernes in der Elektrotechnik.

Man darf aber nicht vergessen, dass der Gleichstrom dem Wechselstrom gegenüber zwei bedeutende Vortheile gewährt: die Anwendbarkeit in der Chemie und die Möglichkeit, Accumulatoren zu gebrauchen, welche die Anlage- und Betriebskosten dadurch wesentlich herabsetzen, dass auch unterbrochener Betrieb rentabel wird. Allerdings hat Leblanc in allerneuester Zeit eine Vorrichtung vorgeschlagen, die Wechselstrom in Gleichstrom umformt; allein über die Verwendbarkeit dieser Vorrichtung soll noch die Praxis entscheiden. Noch unlängst rühmte man dem Wechselstrome als besonderen Vortheil zu die Möglichkeit der Vertheilung mittels Transformatoren. Allein jetzt besitzen wir ja auch Gleichstromtransformatoren. Für die Kraftübertragung ist der Wechselstrom nur als Mehrphasenstrom dem Gleichstrome ebenbürtig. Heutzutage bleibt also dem Wechselstrome nur der Vorzug eigen, dass die Wechselstromdynamo bedeutend höhere Spannungen zulassen als die Gleichstromdynamos.

Handelt es sich nun um kurze Strecken, um Privatanlagen, oder auch um Theilstationen eines Stadtnetzes, so wird hier entschieden dem Gleichstrome der Vorzug gegeben. Je länger aber die Leitung, desto mehr wird der Wechselstrom dem Gleichstrome ökonomisch überlegen. Für Beleuchtungszwecke wird einfacher Wechselstrom gebraucht. Hat man aber auch Arbeitsabnehmer in Aussicht, so gebraucht man Mehrphasenstrom. Aus diesem Grunde ist auch bei dem colossalen Niagara-Unternehmen der Zweiphasenstrom angenommen.

Sesemann's Zeitzeichen-Uebertrager.

Mit Abbildung.

Um im Bereiche ihres ganzen Bahnnetzes den unerlässlichen Gleichgang sämmtlicher Dienstuhren zu erzielen, hat die preussische Staatsbahnverwaltung die Veranlassung getroffen, dass täglich zur bestimmten Stunde die richtige Zeit von Berlin aus an die einzelnen Bahnverwaltungsbezirke telegraphisch bekannt gegeben werde. Es geschieht dies mit Hilfe eines äusserst genau gehenden Chronometerwerkes, das überdem regelmässig von der Berliner Sternwarte justirt wird, und mittels welchem die Abgabe des telegraphischen Zeitzeichens auf sämmtliche in Berlin mündende oder durchlaufende Eisenbahntelegraphenleitungen – durchwegs lauter auf Ruhestrom geschaltete Morse-Linien – gleichzeitig und selbsthätig (vgl. 1892 285 * 241) erfolgt. Das betreffende Zeichen besteht aus einem durch die mehrfache auf einander folgende Wiederholung der Morse-Buchstaben MEZ (soviel wie „mitteleuropäische Zeit“) gebildeten Anruf, welcher zwei Minuten vor acht Uhr Vormittags beginnt und 50 Secunden vor acht Uhr in eine dauernde Unterbrechung (Strich) übergeht, welche jedoch Punkt acht Uhr wieder aufhört. In allen eingeschalteten Stationen ist dieses Aufhören der Linien- bezieh. Stromunterbrechung durch den Ankerabfall am Morse-Schreibapparate deutlich wahrnehmbar und bildet das eigentliche Zeitsignal, nach welchem die Dienstuhren zu richten sind.

Damit dieses Zeitsignal aber auch in alle Zweiglinien und bis in die äussersten Ausläufer des ganzen Bahnnetzes gelangt, muss dasselbe in allen Abzweigestationen, wo Telegraphenleitungen münden, durch die Telegraphenbeamten mittels des Morse-Tasters, also mit der Hand, oder mit Hilfe besonderer selbsthätiger Uebertragungsvorrichtungen durch synchrone Nachahmung fortgepflanzt werden. Die erstangeführte, mit der Hand zu bewerkstelligende Uebertragung bietet jedoch gewisse Misslichkeiten,