Text-Bild-Ansicht Band 296

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Die Ablösung der Handarbeit des Schriftsetzers durch Maschinen.1)

Von E. Wentscher, Ingenieur in Berlin.

Mit Abbildungen.

Das letzte Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts wird einen der denkwürdigsten Wendepunkte und den Beginn einer neuen Aera in der Geschichte der Buchdruckerkunst bilden. In ihrer Tragweite mit den durch die Einführung beweglicher Lettern, die Erfindung der Schnellpresse und der Rotationsmaschine hervorgerufenen Umwälzungen durchaus vergleichbar, bezeichnet die sich gegenwärtig vollziehende Ablösung der Handarbeit des Schriftsetzers durch Maschinen seit der Erfindung der Buchdruckerkunst selbst gleichzeitig den ersten grossen Fortschritt auf demjenigen Theilgebiet der Druckindustrie, welches sich auf die Herstellung der Druckform bezieht.

Kaum eine andere Industrie weist eine so ungleichartige Entwickelung in ihren Theilgebieten auf wie die Druckindustrie auf dem Gebiete der Herstellung der Druckform (des Satzes) und in dem eigentlichen drucktechnischen Theil. Während die Drucktechnik in steter Fortentwickelung begriffen, seit dem Ende des vorigen Jahrhunderts mehr und mehr die Maschine in ihren Dienst gestellt und im Laufe dieses Jahrhunderts durch die Erfindung der Rotationsmaschine und der Stereotypie hinsichtlich der Mechanisirung und der quantitativen Leistungsfähigkeit einen vorläufigen Abschluss gefunden hat, ist die Herstellung des Satzes bis auf die neueste Zeit im Wesentlichen auf dem von den Erfindern der Buchdruckerkunst geschaffenen Standpunkte verblieben. Von diesen wurde bereits der Uebergang von der ursprünglich starren, aus einer Holzplatte mit erhaben geschnittener Schrift bestehenden Druckform, also einem Buchstabenholzschnitt, zur Herstellung des Satzes aus einem gegebenen Vorrath einzelner beweglicher Lettern vollzogen, und dabei ist es bis auf die jüngste Vergangenheit verblieben.

Die Qualität der Druckerzeugnisse ist allerdings im Laufe der Zeit einer stetigen Vervollkommnung entgegengegangen und hat gegenwärtig einen Grad der Vollendung angenommen, der kaum noch etwas zu wünschen übrig lässt. Die Satztechnik als solche hat aber keinen Antheil an diesem Fortschritt, der ausschliesslich den verbesserten Methoden, Apparaten und Maschinen des Stempelschneiders, des Schriftgiessers und des Druckers zu verdanken ist.

Wenn nun auch die Mechanisirung der Herstellung des Satzes bis in die neueste Zeit ein ungelöstes Problem geblieben ist, so würde man doch irren, wollte man aus dieser Lage der Dinge den Schluss ziehen, dass es an einschlägigen Versuchen bisher gefehlt habe. Im Gegentheil, das Setzmaschinenproblem hat seit ¾ Jahrhunderten einen unwiderstehlichen Reiz gerade auf die scharfsinnigsten Köpfe ausgeübt, die sich ihm mit voller Kraft hingaben, nachdem der Engländer Church aus Birmingham, einer der erfinderischsten Köpfe des 19. Jahrhunderts, im J. 1822 zum ersten Mal die Welt mit einer vermeintlichen Lösung der schwierigen Aufgabe überrascht hatte. Seitdem sind Hunderte von Versuchen gemacht worden; aber erst der letzten Generation, und zwar den rastlosen Amerikanern, jenen unermüdlichen und unwiderstehlichen Pionieren der Maschinencultur, ist es beschieden gewesen, die scheinbar uneinnehmbare Position endgültig zu erstürmen.

Der bisherige Misserfolg der Setzmaschine lässt sich aus den technischen Schwierigkeiten, die einer vollkommenen Lösung der Aufgabe entgegenstehen, und aus den Mängeln der meisten bisher gebauten Maschinen allein nicht erklären. Die Erklärung des erst verhältnissmässig spät eintretenden Erfolges liegt bei der Setzmaschine, wie in manchen anderen Fällen der Maschinengeschichte, vielmehr darin, dass thatsächlich erst heute ein durch die Verhältnisse gegebenes Bedürfniss nach einer solchen Maschine sich einzustellen beginnt. Beweis dafür ist beispielsweise, dass eine bereits vor 20 Jahren construirte Maschine, ohne dass sie in dieser Zeit verbessert worden wäre, doch erst seit vor 2 Jahren in Anwendung kommen konnte.

Die Hauptgründe für den bisherigen Misserfolg dürften, abgesehen davon, dass die moderne Setzmaschine allerdings einen gewaltigen technischen Fortschritt verkörpert, hauptsächlich die folgenden sein:

Zunächst kann eine Setzmaschine niemals durchaus selbsthätig arbeiten, weil die Reihenfolge der jeweilig zu setzenden Buchstaben von Manuscript zu Manuscript wechselt. Der menschliche Verstand ist also wenigstens insofern unersetzlich, als er die Maschine veranlasst, die Buchstaben in der erforderlichen Reihenfolge zu liefern. Dies lässt sich am einfachsten und vollkommensten durch eine Klaviatur erreichen, auf welcher der Maschinensetzer spielt.

Für eine solche Thätigkeit gibt es aber eine bestimmte obere Grenze, welche bei dauerndem Betriebe nicht über 8000 Tastenanschläge in der Stunde hinausgeht.

Die Leistungsfähigkeit einer Setzmaschine kann daher der Natur der Sache nach nie so hoch sein wie z.B. die der Druckerpresse. Wenn sie auch im günstigsten Falle vier bis fünf Menschen ersetzt, so war dieser Nutzen bei den noch verhältnissmässig niedrigen Arbeitslöhnen und bei dem starken Angebot von Arbeitskräften bisher doch nicht so bedeutend, dass er zur Anwendung einer solchen Maschine zwingen musste.

Dieses Verhältniss muss sich aber wesentlich anders gestalten, wenn die Löhne zu einer beträchtlich grösseren Höhe anwachsen. Dass diese Ansicht zutreffend ist, wird dadurch bewiesen, dass in Ländern, wo höhere Arbeitslöhne gezahlt werden, wie beispielsweise in England und in den Vereinigten Staaten, bereits seit Jahrzehnten Setzmaschinen, wenn auch in beschränkter Zahl, in Anwendung sind.

Eine wesentliche Vorbedingung für die erfolgreiche Anwendung einer Setzmaschine ist ferner ein deutlich geschriebenes Manuscript. Denn was nützt die durch die Maschine gegebene Möglichkeit, schnell zu arbeiten, wenn man ein Hieroglyphenmanuscript zu entziffern hat? In dieser Beziehung hat die immer weiter fortschreitende Einführung der Schreibmaschine den Boden für die Setzmaschine ganz erheblich vorbereitet.

Des weiteren beschränkt sich die Anwendbarkeit einer Setzmaschine zweckmässig auf die Herstellung des sogen. glatten Satzes, d.h. eines gleichmässigen Satzes aus einer Schriftart, die höchstens ausnahmsweise durch Wörter aus einer anderen Schriftart unterbrochen wird, wie es in Zeitungen, Zeitschriften, Romanen und Büchern überhaupt der Fall ist. Indem nun die Production derartiger Drucksachen

1)

Ueber Setzmaschinen vgl. 1880 261 * 19. 1889 274 * 459. 1891 281 * 78.