Text-Bild-Ansicht Band 301

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DINGLERS
POLYTECHNISCHES JOURNAL.

Jahrg. 77. Bd. 301, Heft 1. Stuttgart, 3. Juli 1896.

Textabbildung Bd. 301, Hefttitelillustration

Jährlich erscheinen 52 Hefte à 24 Seiten in Quart. Abonnementspreis vierteljährlich M. 9.–, direct franco unter Kreuzband für Deutschland und Oesterreich M. 10.30, für das Ausland M. 10.95. Redaktionelle Sendungen und Mittheilungen sind zu richten: „An die Redaktion des Polytechn. Journals“, alles die Expedition u. Anzeigen Betreffende an die „J. G. Cotta'sche Buchhdlg. Nachf.“, beide in Stuttgart.

Rettungswesen auf See.

Mit Abbildungen.

Die statistischen Aufzeichnungen aller seefahrenden Nationen lehren, dass der Verkehr auf den Meeren die relativ meisten Unglücksfälle nach sich zieht, eine unverhältnissmässig hohe Zahl von Opfern Jahr aus, Jahr ein fordert. Und wenn noch im J. 1798 ein von Robert Crane an die Humane Society gesandter Apparat zur Rettung Schiffbrüchiger verheimlicht wurde, damit den gepressten Matrosen keine Gelegenheit zum Entspringen gegeben würde, die ersten derartigen Vorrichtungen vielmehr 1820 bekannt gegeben wurden, so haben sich doch vereinzelte Bestrebungen zur Einführung von Rettungsmitteln schon damals bemerkbar gemacht. Mit der Steigerung in der Benutzung der Wasserstrassen, mit lebhafter werdendem Betriebe haben sich die Völker veranlasst gesehen, besondere Vorkehrungen zu treffen und im internationalen Austausch Bestimmungen zu erlassen, um die Vergrösserung der natürlichen Gefahren durch solche, welche dem Verkehr entsprungen, thunlichst hintanzuhalten, andererseits aber auch gefahrdrohenden Ereignissen durch rechtzeitige Hilfe die Spitze abzubrechen. So hat man Nothsignale eingeführt, man hat den Seeschiffen eine Reihe Rettungsvorrichtungen vorgeschrieben, welche sie zu eigenem Nutzen, wie zur Hilfeleistung auf See verwenden müssen; und wo früher Strandräuber die Wracks zu plündern pflegten, da haben jetzt Rettungsgesellschaften ihre Sitze aufgeschlagen.

1) Nothsignale.

Um eine Zeichensprache einzuführen, welche die Nothlage eines Schiffes einem Uneingeweihten in unzweifelhafter Weise zu erkennen geben könnte, hatte sich im J. 1872 das englische Handelsamt mit der Admiralität und dem Trinity-House über einige Signale geeinigt, die lediglich für den Zweck der Verständigung im Nothfall vorbehalten bleiben sollten. In dieses Uebereinkommen, welches die Grundlage für die Nothsignale der ganzen seefahrenden Welt zu bilden bestimmt war, hatten sich jedoch Unbestimmtheiten eingeschlichen, denen man eine Beeinträchtigung der Wirkung solcher Zeichen zusprechen musste, und die deshalb auszumerzen waren.

Im J. 1873 hatten die Vorschläge zu der Aufnahme der Signale in die englischen Handelsschiffahrtsacte (Merchant Shipping Acts, Amendment Act, 1873) geführt und zwar in folgender Fassung1):

Schiffe in Noth. Bei Tage: Die folgenden Signale Nr. 1, 2 und 3, wenn zusammen oder einzeln gebraucht, sollen als Nothsignale bei Tage angewendet werden:

1) Kanonenschüsse in Intervallen von etwa 1 Minute abgefeuert;

2) das Nothsignal des internationalen Signalbuchs N. C.;

3) das Fernsignal, bestehend aus einer viereckigen Flagge, über oder unter welcher sich eine Kugel befindet, oder etwas, was einer Kugel ähnlich sieht.

Bei Nacht: Die folgenden Signale Nr. 1, 2 und 3, wenn zusammen oder einzeln gebraucht, sollen als Nothsignale bei Nacht angesehen werden.

1) Kanonenschüsse in Intervallen von etwa 1 Minute abgefeuert;

2) Flammen auf dem Schiffe (wie von einer brennenden Theer- oder Oeltonne o. dgl.);

3) Raketen oder Leuchtballen jeder Gattung und Farbe, je eine zur Zeit in kurzen Intervallen abgefeuert.

Im gleichen Jahre ist auch Dänemark zur Annahme obiger Signale geschritten2), während sich Deutschland durch die Noth- und Lootsensignalordnung vom 14. August 1876 anschloss.

Die See-Berufsgenossenschaft setzt in ihren Unfallverhütungsvorschriften vom 14. Juni 1890 fest, dass ein jedes Schiff zur Abgabe von Noth- und Lootsensignalen ausserhalb der räumlichen Grenzen der kleinen Fahrt mindestens 12 Raketen oder entsprechende Anzahl Leuchtkugeln, 12 Blaulichter, sowie 12 Kanonenschläge oder einen gleichwertigen Apparat mit genügender Munition für Signalschüsse an Bord führe.

Zu Ungewissheiten und Zweideutigkeiten geben jedoch auch die so revidirten Anweisungen Veranlassung, da ja Roth- und Blaulichter, Raketen einzelnen Linien als Erkennungszeichen in der Nacht dienen. Dieser Umstand erschwert natürlich die gesetzliche Einführung bestimmter Nothsignale sehr. Man hatte auch Blickfeuer zum vorliegenden Zwecke in Vorschlag gebracht, diesen Vorschlag aber mit Rücksicht auf die vielfache Verwendung dieser Signalart auf Anregung Frankreichs ausgeschieden.

Bei Erzeugung der Blitzfeuer fiel dem Magnesium die wesentlichste Rolle zu. Im J. 1873 hatte man in London das von Capitän Colomb angegebene Verfahren, welches darin bestand, dass Magnesiumpulver in die Flamme einer Spirituslampe eingeblasen wurde, als vorzüglich befunden; es liessen sich auf die Colomb'sche Weise Feuer erzielen, welche bei klarem Wetter 20 Seemeilen sichtbar waren. Noch auffälliger hat sich aber das Paire'sche Nothsignal erwiesen, welches sich durch Reibung entzündet, ein paar Secunden ruhig brennt, sodann 200 bis 300 m hoch steigt und explodirt, also in der Wirkung einer Rakete gleichkommt. In St. Leonards machte (1890) die Nothsignalrakete der Cotton Powder Company viel Eindruck. Die Rakete wurde aus einem 178 mm hohen Sockel aus Phosphorbronze

1)

Mitth. Seew., 1874 S. 96.

2)

Times vom 24. Juni 1874.