Text-Bild-Ansicht Band 316

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Der mechanische Flug einst und jetzt (Leonardo da Vinci und Karl Buttenstedt).

Von Rudolf Mewes, Ingenieur und Physiker.

(Schluss von S. 29 d. Bd.)

Textabbildung Bd. 316, S. 46

Um ein Bild von dem verbesserten, aus einzelnen Lamellen bestehenden Hengler'schen Fallschirm zu geben, sind die beistehenden schematischen Skizzen beigefügt. Wie aus denselben zu ersehen ist, greifen die einzelnen Lamellen in Ruhestellung ein wenig übereinander über und sind stets an ihren Vorderkanten starr und fest konstruiert, so dass die elastischen Hinterkanten derselben bbb... auf den festen Vorderkanten aaa... entweder aufliegen oder infolge des Winddruckes etwas oberhalb der letzteren stehen. In Fig. 5 sind beide Lagen der Lamellen angedeutet. Es bilden sich beim Fallen des ganzen Apparates zwischen je zwei Kanten a und b aufsteigende Luftströme, welche durch die Pfeile angedeutet sind. Unmittelbar unter der so konstruierten Tragfläche ist die Gondel für den Insassen so fest als nur irgend möglich befestigt. Die zweite Figur stellt einen kegelförmigen Hengler'schen Fallschirm mit Lamellen an den beiden Seiten dar (Fig. 6).

In Bezug auf das zweite Mittel nun, durch das man dem Fallschirm eine horizontale Geschwindigkeit erteilen und somit der Wirkung der Schwere entgegenarbeiten kann, nämlich in Bezug auf die Benutzung maschineller Kraft zum Vorwärtstreiben des Apparates, will ich nur bemerken, dass die Benutzung derselben nur dann einen Zweck oder Sinn hat, wenn man mit deren Hilfe den durch den Fall erlittenen Höhenverlust wieder ausgleichen will, d.h. wenn man mit deren Hilfe und der Wirkung der schiefen Ebene des Schirmes eine solche Horizontalgeschwindigkeit schaffen will, dass der ganze Apparat durch zweckmässige Einstellung seiner Gesamtfläche gegen den Wind wie ein Drachen auf schiefer Ebene wieder in die Höhe steigen soll. Eine maschinelle Triebkraft kann also bei dem Fallschirm vorläufig nur den Zweck haben, ein Segeln in der Luft eine Zeit lang zu ermöglichen. Daher muss die Stärke einer solchen Triebkraft stets so bemessen sein, dass sie im stande ist, im Verein mit der von der vertikal wirkenden Schwere abgezweigten Horizontalkraft ein Aufsteigen des ganzen Apparates in schiefer Ebene zu erzwingen. Die dazu erforderliche Kraft ist nicht sehr gross; eine Berechnung soll erst nach Besprechung der Untersuchungen von Leonardo da Vinci und Buttenstedt gegeben werden. Dass bei Benutzung eines Steuers ein Kreisen oder Segeln nach beliebiger Richtung mit dem soeben beschriebenen Fallschirm möglich wird, brauche ich wohl nicht besonders hervorzuheben; vermochte doch schon Hengler seinen immerhin noch sehr primitiven und einfach gebauten Fallschirm durch blosses Verlegen des Schwerpunktes, wenn auch nur in beschränktem Masse,zu lenken, bezw. auf der Bahn sich entgegenstellende Hindernisse, wie Bäume und Häuser, zu umsegeln.

Zum Schluss dieses Abschnittes möchte ich noch einige Bemerkungen über die Gesetze des Segelfluges bringen, da dadurch die Beurteilung der Arbeiten Leonardo's wesentlich erleichtert werden dürfte. Wenn auch die Anschauungen hierüber unter den neueren Flugtechnikern noch nicht geklärt und zum Teil sehr verschieden sind, so kann man gleichwohl besonders zwei einander gegenüberstehende Richtungen unterscheiden, nämlich die ältere, von Mouillard vertretene, welche ich für richtig halte, und die neuere, von Lord Raleigh u.a. gegebene Erklärung des Schwebefluges.

Gegen die letztere Ansicht, nach welcher der Segelflug durch das abwechselnde Eintauchen des Vogels in zwei aneinander grenzende, aber verschieden gerichtete Luftströmungen bedingt wird, ist ein prinzipieller Einspruch nicht zu erheben, wohl aber lässt sich dagegen einwenden, dass der wahre Sachverhalt nicht so sein wird, da in den Höhen, wo die segelnden Vögel zu fliegen pflegen, wohl selten zwei verschieden gerichtete Luftströmungen anzutreffen sind, der Segelflug aber an windigen Tagen häufig beobachtet wird. Ausserdem halte ich die Annahme einer neuen Erklärung des Segelfluges nicht für erforderlich, weil die ältere dazu ausreicht und der hauptsächlichste gegen dieselbe erhobene Einwand nicht stichhaltig ist, dass ein in derselben Luftströmung segelnder Vogel zu dieser in relativer Ruhe sich befinden müsse. Die Anhänger der neueren Segelflugtheorie greifen die althergebrachte Erklärung dieser Flugart gerade aus diesem Gesichtspunkte scharf an und glauben daraus den Schluss ziehen zu müssen, dass der Vogel durch blosse Wendungsmanöver sich die Kraft des Windes nicht nutzbar machen könne.

Textabbildung Bd. 316, S. 46

Nach der gewöhnlichen Auffassung vom Segelfluge, welcher auch Dr. Müllenhoff in seinen wertvollen Untersuchungen über den Flug der Vögel gefolgt ist, lässt sich der Vogel von einem hochgelegenen Punkte aus zunächst vom Winde treiben und gewinnt dadurch eine gewisse, durch seine Schwere und den Winddruck bedingte Geschwindigkeit, indem er dabei um ein Gewisses sinkt. Die aufgespeicherte lebendige Kraft benutzt er dann, indem er eine halbe Schwenkung gegen den Wind ausführt, um gegen den Wind anzusteigen. Hierbei wird die Kraft zum grössten Teil aufgezehrt. Indem der Vogel sich aber wieder mit dem Winde wendet, fasst dieser ihn von neuem und dasselbe Spiel wiederholt sich gleich dem Kuckucksruf „mit Grazie ad infinitum“, so dass der Vogel sich gleichsam